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Warum „Autorenlesungen“ cooler sind als sie klingen

Lesung Literaturhaus Rostock Katharina Adler Saša Stanišić

Das Wort „Lesung“ ist wohl gerade für Studierende ein Dorn im Auge (oder im Ohr). Das klingt so ähnlich wie Vorlesung und dort möchte schon aus Prinzip niemand hingehen. Von „Autoren“ fangen wir gar nichts erst an. Da kommen nur verstörende Erinnerungen an vergangene Hausarbeiten und schnell hingeklatschte Zitate hoch. Eine „Autorenlesung“ kann also wirklich nichts Cooles sein … oder?

Meine Erfahrung

Ich bin schon mein ganzes Leben lang eine begeisterte Leserin, die von Büchern nicht genug bekommen kann. Zu Autorenlesungen bin ich aber aus zwei Gründen nie gegangen:

1. Wie schon gesagt, das Wort „Autorenlesung“ ist nicht sexy. Es klingt nach etwas, das man einfach nicht haben und wo man nicht sein möchte. Da gibt es weitaus schönere Worte wie „Freibier“, „Semesterferien“ oder „Bestanden“.

2. Die Auswahl der Autoren ist nicht immer prickelnd, vor allem nicht in Rostock. Wer dann auch noch eher an Büchern internationaler Autoren interessiert ist, hat gleich verloren.

Wenn die Lieblingsautoren bereits verstorben sind, könnte das auch zu einem Problem werden.

Dann kam die Wende

Vor zwei Jahren besuchte Benedict Wells das Literaturhaus Rostock. Ich hatte nie etwas von ihm gelesen, war aber auch nicht abgeneigt. Also habe ich mir zwei Freundinnen geschnappt, bin zur Lesung gegangen und habe es nicht bereut.

Mit viel Humor und Charme hat sich der Autor vorgestellt und überzeugende Passagen aus seinem neusten Werk vorgelesen. Obwohl ich am Ende immer noch der Meinung war, dass seine Geschichten und das Genre mich nicht wirklich ansprechen,  kaufte ich mir nach der Lesung ein Buch, ließ es signieren und machte zusammen mit Benedict ein Erinnerungsfoto. Das Buch hat mir dann tatsächlich nicht gefallen, der Protagonist ging mir schlichtweg auf die Nerven.*  Aber die Signatur mit der liebevollen Widmung sehe ich mir bis heute gerne an – einfach weil Benedict so sympathisch war!

Ein Buch wirklich lesen lernen

Gerade letzte Woche war ich bei einer Lesung von Katharina Adler und Saša Stanišić, ebenfalls im Literaturhaus Rostock. Eine Freundin und ich sind hauptsächlich hingegangen, um Saša zu sehen, wie er aus seinem neuen Buch „Herkunft“ liest. Wir beiden kannten schon ein früheres Werk von ihm und waren gespannt, wie er wohl sein wird und was wir von seinem neuen Buch erwarten können.

Das Schöne an solchen Lesungen ist, dass man nicht nur den Autor kennen lernt, sondern auch die persönliche Lesart seines Werks. Jeder, der ein Buch liest, hat eine kleine Stimme im Kopf, die den Text interpretiert, wie sie es gerade für richtig und passend hält. Dann geht man in die Lesung und der Autor liest die exakt gleiche Passage statt in einem langsamen, dramatischen Tonfall mit viel Humor und Ironie! Solche Offenbarungen können ein Buch komplett verändern!

Neues entdecken

Wir waren begeistert von Saša Stanišić und haben uns gefreut, ihn einmal live zu erleben. Aber auch das Buch „Ida“ von Katharina Adler hat uns unerwartet gut gefallen! Unerwartet daher, weil wir bisher noch nichts von der Autorin gehört hatten und ihr dementsprechend ohne jeden Eindruck gegenüber saßen.

Aber auch über Katharina konnten wir durch ihre Erzählungen und die von ihr vorgelesenen Textausschnitte mehr erfahren. Das hat mich so neugierig gemacht, dass ich ihr Buch auch gerne lesen würde. Trotzdem habe ich wegen dem etwas höheren Kostenfaktor diesmal keine Bücher mitgenommen. Aber der nächste Geburtstag ist nicht fern!

Schlusswort

Für Autorenlesungen muss man wirklich schon ein begeisterter Leser sein und ein gewisses Interesse für die Autoren mitbringen. Ansonsten ist es wahrscheinlich echt öde.

Wer aber auf Literatur steht, sollte wenigstens einmal zu einer Lesung gehen. Dort erfährt man nicht nur mehr über die Autoren selbst, sondern auch über ihre Sichtweise auf das Buch und die Story dahinter. Manchmal wird man sogar überrascht – ob von einem bisher unbekannten Autoren oder einer neuen Sichtweise auf das Lieblingsbuch!

Wenn wir also „Autoren“ als kreative Menschen sehen, die oft sogar sehr sympathisch und humorvoll sind, und „Lesungen“ als Anstoß für neue Sichtweisen auf Autoren und ihre Werke, dann klingt das Ganze nur noch halb so schlimm und macht vielleicht sogar die Lesungsmuffel ein klein bisschen neugierig.

*Für alle, die es interessiert: Bei dem Buch handelt es sich um „Spinner“.

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