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1 Seminar, 15 Referate: Mörder der Motivation

Jedes Semester dieselbe Desillusionierung. Hoffentlich mal ein Seminar, das sich nicht ausschließlich über Referate definiert. Was spitzte der man seine Lippen, blickte überlegend nach links oben, während man interessiert nickte, als man einen vielversprechenden Seminar-Titel las. Aber wie im ersten Satz erwähnt, mündet dieses kleine Pflänzchen Interesse oft in Enttäuschung. Im Staub des Friedhofes der Motivation, auf dem bereits einige Seminare ihren Grabstein haben, knospt ebenjenes Pflänzchen im Sonnenschein hoffnungsvoller Bildung.

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Der Friedhof enttäuschter Seminar-Erwartungen.

Mit gebrochener Seele kehrt der Studierende wie ein Kriegsgefangener aus den sogenannten „Semesterferien“, wühlt sich aus dem Schutthaufen seines Zimmers voller abgelaufener Buchleihen, zieht sich endlich mal wieder einen neuen Schlübbi an und geht hochmotiviert mit einem polierten Apfel zur Universität, um zu universitieren. Viel verspricht er sich von den Seminaren, die er wählte, die nach Bildung schrien und nach Weisheit dufteten. Doch schon in den Fluren eines Bebel-Towers „duftet“ es nach „Bohnerwachs und Spießigkeit“, so spräche Udo Jürgens – Gott hab ihn selig.
Umzingelt von deprimierendem Grau sitzt er eingepfercht in einem zu kleinen, völlig überfüllten Seminarraum. Sitzt er in der ersten Reihe, ist die Nasenspitze nicht selten nur eine Faust breit entfernt vom Genitalbereich der Lehrperson, die gerade die Stimme zur Begrüßung erhebt. Die Desillusionierung hat bereits begonnen.
Alles fängt in der ersten Sitzung an, in der „Organisatorisches“ geklärt wird. Der Seminarplan wird per Polylux oder Beamer an die kalte Wand geschmissen. Die Gliederung sieht „semi-interessant“ bis „relativ ansprechend“ aus. Sonnenstrahlen streicheln noch warm das Pflänzchen Interesse. Doch plötzlich schiebt sich eine Wolke vor das Licht. Kleingedruckt steht unter jedem Thema in kursiver Schrift: Studenten-Referat. Der Studierende ahnt bereits, was wirklich hinter „Organisatorisches“ steckt. Im Prinzip bedeutet das in den meisten Fällen, dass an diesem Tag der Tanz um den heißen Brei der Referate stattfindet. Wer will?Wer hat noch nicht? Mit merkelschen Gesichtszügen hebt er irgendwann (gezwungenermaßen) seinen bleiernen linken oder rechten Arm, um sich eines Themas anzunehmen, dessen Titel mehr verspricht als er halten kann. Dem Pflänzchen fällt ein Blättchen ab.
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Ein Referats-Seminar – wiedermal. Nun geht er Woche für Woche in den Hühnerkäfig von Seminarraum – da ja Anwesenheitspflicht herrscht – und hört sich ein ums andere Mal einen abgelesenen Vortrag an, den er oft identisch am Handout mitlesen kann und der wahrscheinlich erst in der letzten Nacht – Wikipedia sei Dank – entstanden ist. Als Referent weiß man für gewöhnlich selber, dass einem da wenig anregende Scheiße aus dem Mund fließt. Die merkelschen Gesichtszüge versteinern zu starrenden, völlig gedankenverlorenen Blicken. Als Zuhörer versucht man die Aufmerksamkeit oben zu halten. Gelingt leider maximal für 10 Sekunden. Die Lehrperson sitzt überflüssig in der Ecke und gibt hin und wieder einen Kommentar ab, den sie mit einem „Bitte“ beendet – die Anweisung an den Referenten, dass er mit seinem Monolog, der eigentlich keiner sein soll, weitermachen darf. Dieser hat nun dummerweise den Faden verloren und strauchelt. Didaktisch hat er sich schon was dabei gedacht, stellt Fragen an seine Kommilitonen, versucht sie mit einzubinden. Doch, wie gesagt, es ist ein Monolog. Niemand kriegt seinen Mund auf. Nur dann, wenn das peinliche Schweigen nicht mehr auszuhalten ist, hebt irgendjemand gnädig die Hand und gibt eine Antwort, die eigentlich keiner Frage bedurfte. Ist man mit seinem Referat durch, hat man seine als Prüfungsvorleistung deklarierte Pflicht getan und reiht sich wieder brav ein in den schweigenden, unmotivierten Haufen. Lieber Quiz-Duell spielen, als geistig beim Seminar anwesend zu sein. Da lernt man mehr. Aber bloß nicht vergessen, das Handout und die PowerPoint-Präsentation hochzuladen. Downloads nach dem Semester: 2.
Seminarplan
Mit Schmollmund betrachtet der Studierende das kleine Pflänzchen Interesse – liegt verdurstet, ausgetrocknet und zerbröselt am Boden. Ein Semester ist vorbei und wieder nichts gelernt. Referats-Seminare: Das sind die Mörder der Motivation. Dort, wo das Pflänzchen zu einem Baum der Weisheit wachsen wollte, steht nun ein weiterer Grabstein.

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