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Ein waschechter Warnemünder Jung erzählt: Geschichten aus der Heimat

Warnemünde Alter Strom Am Strom

Ich steige aus dem Zug und atme tief ein. Die frische Morgenluft und der leichte Geruch nach Seetang und Meer lassen mich meine Sorgen für eine Weile vergessen. Es ist der Duft der Heimat. Die Februarsonne scheint mir ins Gesicht. Sie kommt noch nicht ganz gegen den bissigen Seewind an, wärmt aber das Gemüt. Ich freue mich auf den Spaziergang durch Rostocks schönstes Viertel direkt am Meer. Ich bin nicht allein, sondern treffe eine Herzensperson – einen echten Warnemünder Jung!

Ein Ort mit Geschichte

Meine Begleitung heißt nicht wirklich Hansi, aber seine Verbindung zu Warnemünde ist so echt wie das Pech mit dem die Fischer in seiner Kindheit ihre Netze überzogen. „Der Geruch nach Teer fehlt“, sagt er beim Mittagessen – übrigens nicht in einer Fischgaststätte. Nur selbstgeangelter Fisch kommt ihm auf den Teller, über die Zubereitung der Gaststätten schimpft er nur. Aber fangen wir von vorne an.

Die Warnemünder Geschichte ist lang. Die ersten Siedlungen rund um die Warnowmündung gab es schon im 8. Jahrhundert, die Herleitung des heutigen Namens fällt hier nicht schwer. 1323 kaufte Rostock das Dorf Warnemünde, denn die Fischerei und Seefahrt bedeutete eine hohe Wirtschaftlichkeit und Machtposition für die damals noch relativ junge Stadt. Erst zum Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Warnemünde zu einem Badeort und lockte immer mehr Besucher an.  Hansi zeigt mir Bilder vom Warnemünder Strand als es noch getrennte Bereiche für Männer und Frauen gab und die Badeanzüge eher der Sonntagskleidung ähnelten.

Warnemünde in der DDR

Hansi selbst wurde 1950 direkt in Warnemünde geboren und verbrachte dort seine Kindheit. Er kennt jedes Gebäude, jedes Schiff, jeden Schlupfwinkel. Mit Schulkameraden trieb er allerhand Schabernack z.B. sich in Kinos schmuggeln (von denen hatte Warnemünde damals immerhin drei!) oder Spiele und Mutproben am Wasser. Letzteres war nicht ungefährlich, denn die Strömungen können fatal sein! Hansi und seine Brüder sind oft genug ins kalte Ostseenass gefallen und mussten auf dem heimischen Dach in der Sonne trocknen. Anders als heutzutage wurde das Spielen aber auch oft mit Arbeit verbunden, um sich den ein oder anderen Groschen und kostenlose Bootsfahrten zu verdienen.

Warnemünde Ostseehotel
Was heute das Ostseehotel (neben Hotel Neptun) ist, war früher die Warnemünder Klinik. Dort hat Hansi 1950 zum ersten Mal Meerluft geschnuppert!
Warnemünde Georginenplatz Seestraße
Hansi hat mir auch die kleinsten Schlupfwinkel wie den Katergang oder diese Gasse zwischen dem Georginenplatz und der Seestraße gezeigt. “Das war damals der schnellste Weg zum Strand.”

Stasi in Warnemünde

Die Stasi war in Warnemünde mit mehreren Anlaufstellen gut vertreten, denn die Ostsee bot vielen eine Möglichkeit zur Flucht. Es gab strenge Regulierungen für Seefahrer, Fischer und Strandbesucher. Fischer mussten zum Sonnenuntergang wieder in Warnemünde sein und eine romantische Nacht am Strand war für Gäste tabu, da sie sich dort nach 20 Uhr nicht mehr aufhalten durften. Ob mit Faltbooten, schwimmend oder 1962 über die gefrorene Ostsee – Fluchtversuche gab es viele, einige davon auch erfolgreich.

Warnemünde Strand Ostsee Neptunhotel
Heute kann man am Strand sein, wann man möchte – solange man ruhig ist und die Kurort-Gäste nicht stört!

Die verschwundene Käpp’n Brass

Die Käpp’n Brass liegt rechts neben der Brücke zwischen dem Bahnhof und dem Strom. Jedes Jahr lädt sie zu Hafenrundfahrten ein. Um sich ein wenig Taschengeld zu verdienen, putzte Hansi damals die Fenster des Schiffes. Eines Morgens, als Hansi seinen Dienst antreten wollte, war es spurlos verschwunden. Keiner wusste wohin. Erst einige Tage später kam das Schiff zurück nach Warnemünde – reparaturbedürftig, aber ohne Besatzung. Die war geflüchtet.  Die Herrschaften haben es klug angestellt. Das Rausfahren des Schiffes war nichts ungewöhnliches, das Weiterfahren über die Ostsee wäre allerdings schon aufgefallen. Daher hat das kleine Fahrgastschiff auf die Fähre gewartet, die damals noch von Warnemünde abfuhr, und ist dahinter versteckt nach Dänemark abgehauen. Dort ist die Käpp’n Brasswahrscheinlich gegen eine Kaikante gestoßen und ist daher kaputt wieder nach Warnemünde zurückgebracht worden – aber sonst war die Flucht erfolgreich!

Warnemünde Mole Leuchtfeuer Ostsee
Früher wie heute fahren hier die Fähren ein und aus. Auf diesem Weg ist die Käpp’n Brass ungesehen Richtung Dänemark geschippert.

Einmal Warnemünder – immer Warnemünder

Egal wie anstrengend Hansis Alltag manchmal war, die guten Seiten sind ihm in Erinnerung geblieben. Sein Herz ist in Warnemünde verankert, das Meer ist seine Heimat. Er ist beruflich zur See gefahren, hat sein ganzes Leben lang zumindest in der Nähe vom Wasser gewohnt, ist heute begeisterter Hobbyangler und schon aus Prinzip wird in Warnemünde – und sonst an keinem anderen Küstenort – spazieren gegangen!

Zu einigen seiner Kumpels von früher hat Hansi noch heute Kontakt. Morgens treffen sie sich zum Kaffeeklatsch – natürlich in Warnemünde – und schnacken über dies und jenes, oft sogar auf plattdüütsch. Über die neuesten News aus Warnemünde ist Hansi top informiert, alle unbekannten Vorgänge werden recherchiert und mit den Kumpels diskutiert. Die Live-Webcam in Warnemünde ist das Standardprogramm (am liebsten die vom Atlantic) und ein Funkgerät liegt immer bereit, um dem ein oder anderen Funkspruch zu lauschen. In der Kaffeerunde werden USB-Sticks mit hunderten alten und neuen Bildern von Warnemünde ausgetauscht. Zu jedem Foto kann Hansi eine kleine Geschichte erzählen! Nur im Heimatmuseum war er noch nicht, da möchte er aber unbedingt einmal hin.

Warnemünde Mole Leuchtfeuer Seebestattung
Manchmal liegen Blumen auf den Steinen beim grünen Leuchtfeuer. Tribute an diejenigen, die ihre letzte Reise angetreten haben.

Auf unserem Spaziergang gehen wir an der Undine vorbei. Wir halten kurz an. „Das ist mein letztes Schiff!“, sagt er. Ich schaue es an und denke: „Ihn bekommt man vom Meer nicht los. Der schönste Ort für seine letzte Ruhe sind die rauen Wellen seiner Heimat. Er hat es sich verdient.“

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