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Rostocks vergessener Grusel-Mythos: die Geschichte vom „Schornsteinfeger“

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Unser Autor kam beim KTV-Fest spätabends mit einer alten Dame ins Gespräch, die sich offensichtlich darüber freute, dass unser beschwipster Schreiberling sich mit ihr unterhielt. Den Job immer im Kopf, fragte er das alte Mütterchen, ob sie nicht irgendwelche Geschichten vergangener Tage erzählen könnte, über die sich schreiben ließe. Wie war Rostock in ihrer Kindheit und Jugend? Was hat sie so erlebt? Das Gespräch nahm jedoch eine gruselige Wendung. Plötzlich erzählte sie nur noch vom sogenannten „Schornsteinfeger“.

Angeblich gab es in den 1890er Jahren eine Reihe unerklärlicher Vorfälle in Rostock, die das Verschwinden von etwas mehr als einem Dutzend Kindern zur Folge hatten. Nicht ganz spurlos, wie die alte Dame verrät. Bei jeder Entführung konnten Rückstände von Asche gefunden werden, die zu einem Kamin oder Ofen führten. Daher entstand im Volksmund der Mythos vom Schornsteinfeger, einem dämonischen Wesen, das sich in den Schloten der Häuser aufhielt und bei Nacht in die Wohnungen gekrochen kam, um die Kinder zu holen. Manche nannten ihn auch den Weberknecht, weil er angeblich wie eine Spinne im Schornstein hing und lauerte.

Die alte Dame bekam diesen Mythos damals oft von ihrer Großmutter erzählt – freundlicherweise meistens als Gutenachtgeschichte. Der Schornsteinfeger brannte sich in den Kopf des damals jungen Mädchens. Wie Kinder nun mal sind, spielt die blühende Fantasie ihnen oft einen Streich. Und so bildete sie sich ein, den Schornsteinfeger manchmal in ihrem Zimmer zu sehen, wie er mit breitem Grinsen, Zylinder, rußschwarzer Haut und Augen, rot wie zwei glühende Kohlen, in einer Ecke stand und sie beobachtete. Hin und wieder hätte er angeblich auch neben ihrem Bett gestanden.

Die heute 88-jährige Frau wiegelt jedoch ab, dass das wahrscheinlich nur Hirngespinste waren, stellt jedoch die Theorie auf, das Kinder vielleicht in der Lage sind, Dinge zu sehen, die sich der Aufmerksamkeit Erwachsener entziehen, weil deren Welt durch erzwungene Rationalität über die Jahre entzaubert wurde:

Über die meisten Dinge, die sich ein erwachsener Mensch nicht erklären kann, denkt er nicht weiter nach und verdrängt sie, weil er meint, dass es für alles eine natürliche Erklärung gibt. Vielleicht ist das so – vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist das nur die Flucht vor einer Angst, die wir nicht greifen können.“

Die alte Dame spricht überraschend klar und durchdacht, wenn man bedenkt, dass sie gerade so eine Schaudergeschichte erzählt, die sie selbst betrifft. Jedenfalls habe ihre Großmutter den Wirbel um den Schornsteinfeger als Kind sehr genau miterlebt. Die Vorfälle ereigneten sich in ihrer Nachbarschaft in der östlichen Altstadt. Dort seien zu jener Zeit elf Kinder entführt worden und drei weitere in der heutigen KTV. Eines der Opfer war eine gute Spielkameradin der Großmutter. Die Fälle konnten nie aufgeklärt werden, die Kinder blieben verschwunden.

Letztendlich suchte man ein Bauernopfer und verhaftete einen Schornsteinfeger-Meister der Stadt. Ihm wurde eine Liaison mit einer Prostituierten zum Verhängnis, die ebenfalls spurlos verschwand. In dem Bordell-Zimmer, in dem sie arbeitete und in das der Schornsteinfeger-Meister ein und aus marschierte, fand man Asche. Die Prostituierte passte zwar nicht in das Opfer-Muster, doch der Täter stand für die Rostocker fest und wurde zum Tode verurteilt.

Das Verschwinden hörte jedoch erst ein halbes Jahr später und nach drei weiteren verschwundenen Kindern auf. Seitdem ruht der Dämon aus dem Schlot und irgendwann vergaß man den Mythos vom Schornsteinfeger. Vielleicht aus Flucht vor einer nicht greifbaren Angst.

Es ist nicht zu sagen, wie sehr man diese Geschichte vom Schornsteinfeger ernst nehmen kann. Vielleicht war die alte Dame einfach nur genauso angetüdelt wie unser Redakteur – oder auch schlicht altersverwirrt. Eventuell war es auch nur eine fiktive Gruselgeschichte ihrer wenig emphatischen Großmutter, denn unsere Recherche ergab keinerlei Hinweise auf den Schornsteinfeger. Wurde unserem Autor also einfach nur ein Märchen erzählt? Möglicherweise steckt in dem, was ihm die alte Dame erzählte, auch ein Fünkchen Wahrheit – so wie bei den meisten Märchen.

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