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Roadtrip statt Masterarbeit:
Warum es völlig okay ist, eine Auszeit zu nehmen

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Stopp! Stifte fallen lassen, Bücher und Laptop zuklappen, der Bibliothek die kalte Schulter zeigen, einfach mal raus. Was spricht dagegen, sich mal eine Auszeit zu nehmen, wenn der Kopf und das Herz danach schreien? Oh, eine ganze Menge, wenn man ehrlich ist. 

Ciao Masterarbeit. Oder doch nicht Ciao?

Die Betreuerin meiner Masterarbeit vermutete mich die letzten Wochen wohl mit rauchendem Kopf am Schreibtisch sitzend, fleißig die geforderten 60 Seiten füllend. Es ist mein allerletztes Semester an der Uni, im August ist Abgabetermin, der bedrohlich immer näher rückt. Auch mein Gewissen sagt mir „nimm dir verdammt noch mal ein Beispiel an deinen Kommilitonen und setz‘ dich konsequent an die Arbeit!“ Was aber, wenn das Leben gerade andere Pläne für dich hat und die Masterarbeit in den Hintergrund rücken lässt? Sei es, ein Kind zu kriegen, Liebeskummer zu haben, krank zu werden, sich um die Familie oder um einen Freund kümmern zu müssen oder aber in meinem Fall: eine Hochzeit auf die Beine zu stellen. Meine Hochzeit. Ob ich damit nicht lieber warten will, bis ich meinen Abschluss in der Tasche habe, fragen mich viele argwöhnisch. Nö. Sollte ich?

Immer gen Norden!

Ich habe für mich persönlich entschieden, eine Auszeit zu nehmen. Keine zwei, drei Tage, nein. Lieber vier ganze Wochen, in denen ich eigentlich nicht einen einzigen Gedanken an diese verdammte Arbeit oder einen meiner zwei Nebenjobs verschwenden möchte, mit denen ich jeden Monat meine Miete zahlen muss. Es tut unglaublich gut, diese Entscheidung gefällt zu haben. Ziemlich viele Tränen sind in den letzten Wochen geflossen. Freudentränen zum Eheglück, aber sicher auch die eine oder andere aus Angst, im Studium auf den letzten Metern zu versagen. Anstatt wie andere mal einen Tag in Warnemünde blau zu machen, fahre ich also mit meinem frischgebackenen Ehemann und Polly, einer 33 Jahre alten blau-weißen VW-Bus-Dame, quer durch Norwegen.

4 Grad, Schnee und trotzdem Sonne im Herzen

2600 Kilometer in 2 Tagen. Unser Ziel sind die Lofoten, noch ein Stück über dem Polarkreis. Hauptsache weit genug weg von qualitativen Gruppendiskussionen, Rezeptionsstudien und dem ganzen Kram, der mich schon eine lange Zeit begleitet und wie tanzende Marionetten in meinem Kopf eine Party feiert. Mit 90 km/h tuckern wir nun also durch die norwegischen Fjorde, kämpfen uns Berge hoch und lassen uns den kühlen Wind ins Gesicht wehen. Wie nüchtern und klar man wird, wenn man keine wissenschaftlichen Theorien, sondern menschenleere Straßen und glasklare, eiskalte Seen vor den Augen hat. Einfach mal raus aus der alltäglichen Komfortzone, rein mit dem Surfbrett ins 6 Grad kühle Meer, trotz Höhenangst auf Berggipfeln herumkraxeln, sich spontan tätowieren lassen oder in der Bulli-Küche ein Festmahl zubereiten: Das alles ist für mich gerade mehr Leben, als am Schreibtisch zu sitzen und mir Gedanken zu machen, wie auf dieser Welt ich 60 Seiten schreiben soll. Das einzige, was zählt, ist im Moment, Polly sicher über die Berge zu bringen und sich Gedanken zu machen, wo man als nächstes schläft. Am Fluss? Am Fjord? Im Wald? Am Polarkreis in über 1000m Höhe?

Unser kleines, vorübergehendes Bulli-Zuhause

Naja, was heißt schlafen. In Norwegen geht derzeit die Sonne nicht unter. Um 1:30 Uhr nachts ist es noch genauso hell wie 17 Uhr und unsere Körper drehen ziemlich frei. So viel vorhandene Energie, von Müdigkeit weit und breit keine Spur. Spontane Wanderungen zur Geisterstunde sind also überhaupt kein Hindernis mehr. Das wäre für Rostock auch mal eine gute Sache, denke ich mir. Dann wäre ich vielleicht produktiver und würde mehr schaffen. Der Plan war es, in unseren Flitterwochen die Uni mal so richtig abzuschütteln und zu Hause zu lassen. Hat nicht ganz so gut geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe. Manch einer kennt es: Gerade, wenn man sich vornimmt, nicht an etwas zu denken, dann drehen sich die Gedanken umso mehr um dieses eine Thema. Habe ich überhaupt das Richtige studiert? Was passiert nach dem Studium? Werde ich einen Job finden, der mich erfüllt? Sollte ich nicht vielleicht doch alles über den Haufen werfen und etwas ganz anderes machen, was mich vielleicht glücklicher macht? Ich bin 24 Jahre alt, theoretisch wäre es also möglich, mich noch einmal umzuorientieren. Vielleicht eine Ausbildung als Floristin? Oder doch noch mal Lehramt?

Die verrücktesten Gedanken während einer Bergbesteigung

Während mir dieser Gedanke in einem Moment total logisch und durchdacht vorkommt, reißt mich im anderen Moment die Vernunft aus meinen Tagträumen. Das Studium zwei Monate vor dem Ziel abzubrechen, wäre dann doch etwas unsinnig. Aber auf solche Gedanken kommt man tatsächlich, wenn man die endlosen Straßen Norwegens entlangfährt und das einzige Lebewesen, dem man begegnet, ein Elch ist. Obwohl, so ganz stimmt das nicht. Viele interessante Menschen treffen wir auf unserer Reise. Ein junges Pärchen aus Bayern erzählt uns, dass sie ihren Arbeitgeber vor die Wahl gestellt haben: entweder Kündigung oder eine dreimonatige, unbezahlte Arbeitspause. Er entschied sich für die Arbeitspause. Ein Kompromiss. Es ist ermutigend und beruhigend zu hören, denn auch ich habe gelernt, dass Kompromisse unglaublich wichtig sind. So habe ich für mich einen Kompromiss geschlossen, diese Auszeit zu nehmen und mit neuer Energie und neuen Ideen danach voll durchzustarten.

Lofoten-Magie, keine Menschen, kein Stress.

Drei Wochen Norwegen vergingen wie ein Fingerschnippen. Viel zu schnell, aber wir haben die Freiheit, abseits von Arbeit und Uni, vollends genossen. Unsere Akkus sind jetzt voller denn je, unsere Körper mit so viel Tageslicht betankt, dass ich diese letzten zwei Monate meines Studiums auch noch irgendwie überleben werde. Und ich bereue es keineswegs. Im Gegenteil: Ich kann jedem ans Herz legen, sich ohne schlechtes Gewissen eine Auszeit zu nehmen, wenn man sie braucht. Auch, wenn da gerade eine Klausur oder Abschlussarbeit den Weg versperren will. Man lernt, Dinge aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und oft ergeben sich ganz neue Möglichkeiten oder Ideen. Und man fühlt sich einfach gut, denn die Gewissensbisse werden von Tag zu Tag weniger und man lernt, diese neu gewonnene – wenn auch nur kurze Freiheit – in vollen Zügen auszukosten und dankbar dafür zu sein. Glücklich bin ich nun wieder zu Hause. Am Schreibtisch. Es war die absolut richtige Entscheidung und ich würde es immer wieder so machen.

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