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Liebeserklärung an Evershagen

problemviertel rostock

Wie kommt man nur auf die Idee, eine Liebeserklärung an das Rostocker Ghetto Evershagen zu schreiben? Wie?

Alles fing an mit dem leidlichen Thema, Gastgeber für eine Geburtstagsparty zu sein. Viele mögen die Augen verdrehen: Wo ist da das Problem? Stell ‘nen Kasten Bier und dann lass die Leute zu dir kommen!      
Ja, genau da fängt für einige unter uns das Grübeln bereits an. Denn nicht alle von uns wohnen in der so hoch angepriesenen, ja nahezu vergötterten, KTV oder in den anderen beliebten Stadtteilen Rostocks, wie Reutershagen, Alt- oder Südstadt. Das konnte man sich bei dem Titel ja bereits denken.

Meine erste Überlegung war, meine Gäste zu entlasten: Wer wollte schon raus aus Rostock fahren, um dann wieder in die Stadt zu den Clubs zu gurken?

Tatsächlich begann mir diese Idee zu gefallen, denn dies ist einer der vielen Vorteile Evershagens: Nur Freunde, die dich wirklich mögen, werden diese Reise auf sich nehmen! Denn während Evershagener mit einer Selbstverständlichkeit Tag ein Tag aus ihre 20 Minuten Bahnfahrt gen Stadt und zurück auf sich nehmen, scheint das für die  „Innenstädter“ bereits die erste Hürde. Schon der Rahnstädter Weg lässt einigen die Nackenhaare zu Berge stehen, doch erst die Strecke ab Marienehe sorgt für den eigentlichen Gruseleffekt: Des Nachts rattert die Bahn immer tiefer in die Dunkelheit, das letzte künstliche Licht außerhalb der Bahn nimmt man noch vor der Brücke wahr. Sobald die Straßenbahn unter dieser durchfährt, weiß man, es gibt kein Zurück mehr. Das ist nicht mehr das Rostock, wie  man es kennt: Das ist das erste Ghetto Rostocks – das Vorhofghetto.

Dank dir, Evershagen, weiß ich also, wer meine wahren Freunde sind!     

Und nicht nur das: Zu oft neigt die Verallgemeinerung dazu, alle hier Wohnenden über einen Kamm zu scheren. Schnell entsteht der Eindruck, dass an jeder Ecke die Möglichkeit besteht, überfallen zu werden. Oder “nur” von finster dreinblickenden Gestalten angeschnauzt zu werden. Und zwischen all den Platten unter Dauerbeschallung extrem basslastiger Musik die Orientierung zu verlieren. Platten? Ja. Durchaus mal übertrieben laute Musik? …ja. Finstere Gestalten? Joa. Einen wunderschönen Park am Fischerdorf, in dem man gerne verloren geht und sich mit alten Damen verschnattert? Ja!

Wer nicht ganz so voreingenommen ins „Ghetto“ kommt und sich auf die kleinen Plaudereien mit den älteren Herrschaften einlässt, wird überrascht sein, was da aus den alten Tagen erzählt wird (und wie viel verkannte Geschichte in Evershagen steckt).            

Von der Plattenromantik beflügelt und auf den Straßen wandelnd, die nach Autoren und Pädagogen benannt sind, wird man dann doch hungrig. Und auch hier kann Evershagen Abhilfe leisten! Unser Taner Bistro bietet Döner, deren Größe ungeahnte Ausmaße annehmen kann. Im Sommer kann man sich gerne raus setzen, im Winter bietet unser „Dönermann des Vertrauens“ genug Platz drinnen, um nicht zu erfrieren. Noch dazu kann man hier sein Essen genießen, ohne die Geschmacksnerven mit Alkohol betäuben zu müssen (siehe: Dobi Döner). Stammgäste kriegen auch gerne mal eine noch größere Portion. Es wird gemunkelt, dass sogar KTVler diesen Döner ihrem eigenen vorziehen würden…

Und dann ist da ja noch das Möbelparadies im Schutower Gewerbegebiet. Ganz recht: IKEA – Wir lieben e -nein, das war anders: Wir leben schon und wohnen nicht mehr! Was das mit Evershagen zu tun hat? Mein Freunde, wir sind dem Paradies hier undenkbar nah! Ihr stöhnt über die lange Busfahrt und die nehmt ihr ja auch nur auf euch, um euren Möbelträumen ein Stückchen näher zu kommen (oder Hot Dogs zu essen). Und wir? Wir entschließen uns spontan zu einem Spaziergang zum IKEA, um dann das ganze Unterfangen, ganz rentnerlike, mit Kaffee und Kuchen abzurunden.

Ihr findet, das sind alles keine Argumente für Evershagen und das alles ist total gehirnamputierter Schwachsinn? Das kann sein, denn wir alle wissen: Liebe macht blind! Und ja, ich weiß mein Evershagen mittlerweile nicht nur zu schätzen, sondern zu lieben!

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