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Rostock braucht keine E-Roller! – ein Kommentar

Die Großstädte haben sie bereits eingenommen. Autofahrer sind empört, Fußgänger mit den Nerven völlig am Ende. Die Polizei wedelt mit erhobenem Zeigefinger und das Umweltbundesamt warnt vor ihnen. Die E-Roller sind überall. Youtube ist voll mit Videos, die den Sinn der trendigen Scooter in Frage stellen. Fast täglich erscheinen Nachrichten über E-Roller-Unfälle. Und nun sollen sie vielleicht nach Rostock kommen. Unsere Autorin sagt dazu ganz klar: Nein, danke!

Kommentar

Wie das Grauen begann

Seit dem 15. Juni 2019 ist der Verleih von E-Scootern in Deutschland zugelassen. Unternehmen wie Lime, Circ und Tier, die sich zuvor schon im Ausland etabliert hatten, standen bereits in den Startlöchern und haben ihre Roller direkt auf deutsche Großstädte losgelassen. Anfang Juli standen in Berlin schon 4.800 E-Roller zur Verfügung.

Der Gedanke dahinter: eine umweltfreundlichere Alternative für Autofahrer. Denn oft ist es leider so, dass der private PKW allein und für sehr kurze Strecken genutzt wird. Der mit Elektromotor betriebene Roller ist für solche Fälle als Ersatz gedacht. Verkehrsminister Andreas Scheuer sieht darin „enormes Zukunftspotenzial“, es wird sogar von einer „Verkehrswende“ gesprochen.

Zukunftspotenzial: ja. Aber auf keinen Fall so, wie es gerade läuft.

Das Umweltbundesamt is not amused

Anfang September veröffentlichte das Umweltbundesamt ein vorläufiges Fazit zur Umweltfreundlichkeit der E-Roller. Und das sieht alles andere als gut aus. Denn es sind nicht die Autofahrer, die auf E-Scooter umschwenken. Stattdessen geben Fußgänger und Fahrradfahrer ihre umweltschonende Mobilität auf und kurven mit dem neuen City-Gefährt durch die Stadt.

Ein Fazit der Evaluierung:

„Als Leihfahrzeug in Innenstädten, wo ÖPNV-Netze gut ausgebaut und die kurzen Wege gut per Fuß & Fahrrad zurückzulegen sind, bringen die Roller eher Nachteile für die Umwelt – und drohen als zusätzlicher Nutzer der bereits unzureichend ausgebauten Infrastruktur das Zufußgehen und Fahrradfahren unattraktiver zu machen.“

Umweltbundesamt

Das bestätigt auch eine erste Studie der University of North Carolina zu den Umweltfolgen der E-Scooter im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln.

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Erst seit kurzer Zeit prägen E-Scooter viele deutsche Innenstädte. Als sie am 15. Juni diesen Jahres zugelassen wurden, ging alles ganz schnell. Um die 30.000 der batteriegeladenen Zweiräder sollen auf Deutschlands Straßen momentan unterwegs sein. Sie gelten als unweltfreundlich und ein nächster Schritt in der Mobilitätswende. Auch unser Verkehrsminister Andreas Scheuer schreibt E-Scootern "enormes Zukunftspotenzial" zu. Doch was ist dran an der E-Mobilität auf den zwei Minirädern? Studien sind – da das Thema noch so jung ist – recht rar. Doch kürzlich wurde eine von der University of North Carolina veröffentlicht. Interessant: Nicht nur der Betrieb wurde hier in CO2-Äquivalenz umgerechnet, sondern auch die Herstellung sowie das mögliche Recycling wurde betrachtet. Das Ergebnis ist eine auf die Lebensdauer runtergerechnete CO2-Verursachung von 126 Gramm je gefahrenen Kilometer. Vergleicht man das nun mit anderen Verkehrsmöglichkeiten im Stadtbetrieb, wird es interessant. Ein gut ausgelasteter Bus im ÖPNV soll auf 51 Gramm je Kilometer pro Person kommen – das gute, alte Fahrrad verursache 5 Gramm pro Kilometer. Schenkt man der Studie und Martina Hertel vom Deutschen Institut für Urbanistik, die das Ganze vor allem "Eventverkehr" nennt, Glauben, so entlasten E-Scooter scheinbar nur bedingt die Innenstädte. Und umweltfreundlich sind sie auch nicht. (Quellen: "Die Folgen des E-Rollers" von der Zeit vom 12.09.2019; Studie "Are e-scooters polluters?" aus den Environmental Research Letters)

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Dabei wurde nicht nur der eigentliche Betrieb betrachtet, sondern auch die Herstellung, die Lebensdauer und das Recycling. Demnach verursacht der E-Roller 126 g CO2 je gefahrenen Kilometer, ein voll ausgelasteter Linienbus 51 g pro Person und Kilometer und das Fahrrad schneidet mit 5 g je Kilometer am besten ab. Wenn jetzt aber Fußgänger und Fahrradfahrer auf den E-Roller umsteigen, der das 25-fache (!) an CO2 verursacht, ist der ganze Hype extrem umweltschädlich.

Dazu kommt übrigens noch die umstrittene Lebensdauer der E-Scooter. Manche Quellen gehen von drei Monaten aus, andere von einem Jahr, unbestätigte Zahlen aus Kentucky weisen sogar auf nur 28 bis 32 Tagen hin! Ein Grund dafür ist die ständige Belastung durch das Leih-System, ein anderer purer Hass. Einigen gehen die Roller so auf die Nerven, dass sie die Geräte mutwillig zerstören. Mittlerweile gibt es sogar einen Instagram-Account mit dem Namen „birdgraveyard“, auf dem Fotos und Videos von besonders kreativen Beschädigungsmethoden veröffentlicht werden.* So landen die Roller im Wasser oder werden verbrannt. Umweltschonend geht anders.

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Das neue Spielzeug der Erwachsenen

Auch wenn die E-Roller-Zerstörungsaktionen nicht gut zu heißen sind, zeigen sie deutlich, dass es ein großes Problem mit ihnen gibt. Kein Wunder: Sie werden unachtsam an den unmöglichsten Stellen abgestellt, die besonders Coolen fahren zu zweit und E-Scooter-Fahrer verstehen scheinbar nicht, dass sie tatsächlich Teilnehmer am öffentlichen Verkehr sind und sich dementsprechend auch an die Regeln und Vorschriften zu halten haben. Stattdessen verhalten sie sich wie unbesiegbare Helden, die gerade nachträglich ihren Kindheitstraum vom ultraschnellen Tretroller ausleben.

Sagt einem eigentlich schon der Menschenverstand, dass man mit einem E-Roller auf dem Fahrradweg fahren MUSS, nutzen viele ignorant den Fußweg und dann auch noch mit einem Tempo, das andere extrem gefährdet. Auch Verkehrs- und Vorfahrtsregeln scheinen für sie nicht zu gelten, sie fahren einfach drauf los. Unfälle sind die Folge und davon reichlich.

Gerade Betrunkene lieben den E-Roller, obwohl auch hier wie beim Autofahren die Promillegrenze gilt. Bestes Beispiel: das Oktoberfest. 414 (!) betrunkene E-Roller-Fahrer wurden hier angehalten, 254 (!!) von ihnen wurde der Führerschein abgenommen – zu Recht!

E-Roller in Rostock? Nein, danke!

Bisher blieb Rostock verschont vom E-Roller-Chaos. Aber dann erschien Ende September folgende Schlagzeile: „E-Scooter-Verleih in Rostock gestartet“. Anbieter VOI verteilt testweise 50 E-Roller in der Innenstadt, Steintor-Vorstadt und KTV. Zum Glück genau dort, wo sich Radfahrer ja bereits immer absolut richtig verhalten, niemals auf den sowieso zu engen Gehwegen fahren und auch niemals Fußgänger behindern.

Voi E-Roller E-Scooter Rostock

Ja, E-Roller machen sicherlich Spaß und würden sie für den richtigen Zweck und vor allem ordnungsgemäß benutzt werden, dann wären sie sogar auch sinnvoll. Gerade in Großstädten kann es für Leute, die in Randgebieten wohnen und sonst lange Zug- oder Busfahrten auf sich nehmen oder eben auf das Auto zurückgreifen müssten, hilfreich sein, einen E-Roller zu benutzen.

Wir leben aber in Rostock. Mit ca. 208.000 Einwohnern. Auf einer Fläche von rund 181 km². Weit entfernt vom Berlin-Maßstab. Wir haben eine durchgehende Zugverbindung von Nord nach Süd, dazu ein gut ausgebautes Straßenbahn- und Busnetz in alle Stadtgebiete. Fuß- und Radwege sind weitestgehend gut angelegt. Besteht Verbesserungsbedarf, um das öffentliche Verkehrsnetz attraktiver zu machen? Auf jeden Fall!

Zum Beispiel was die nächtliche Anbindung in Rostock angeht. Denn die ist wirklich grottig! Man könnte meinen, dass E-Roller eine gute Ausweichmöglichkeit wären, um nicht eine Stunden auf die F-Linie warten zu müssen und dann noch eine halbe Stunde mit dem Bus durch Rostock zu gurken. Allerdings wäre das auch nur eine Option für nüchterne Kameraden. Denn alle über 0,5 Promille (für alle in der Probezeit vom Führerschein 0,0!) dürfen keinen E-Roller fahren!


Mit 2,79 Promille auf dem E-Scooter in Warnemünde unterwegs


Der E-Roller darf aber einfach nicht als Lösung für den Verbesserungsbedarf der örtlichen Infrastruktur gesehen werden. Durch ihn wird der öffentliche Verkehr nur stärker belastet und die Verkehrsstruktur müsste sogar zusätzlich an den E-Roller angepasst werden. Im Fokus sollte der Ausbau bereits vorhandener öffentlicher Verkehrsmittel und Fuß- und Radwege stehen, um die Attraktivität zu erhöhen und die Menschen dazu zu bewegen, das Auto stehen zu lassen. Die RSAG macht’s vor mit dem Bemühen um verbesserte Streckenverläufe, dem Anlegen zusätzlicher Buslinien und der ständigen Verbesserung ihrer Fahrzeuge für ein umweltfreundlicheres Fahren.


Mittlerweile wurden die E-Roller wieder entfernt. Ob sie wiederkommen, steht noch nicht fest. Wie seht ihr das denn: Würdet ihr euch E-Scooter für Rostock wünschen oder sollen die bloß wegbleiben?

*Unsere Redaktion heißt die in den Videos gezeigten Methoden nicht gut und nimmt deutlich Abstand zu solchen Aktionen!

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