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Lügen, Schmeicheleien und ein Haufen Absagen: die Suche nach der perfekten WG

Es wird gehauen und gestochen, gelogen und intrigiert, geschmeichelt und umgarnt – Freud und Leid so dicht beisammen. Der tief Gefallene zieht frustriert weiter und klatscht auf dem Weg nach unten genervt mit dem jubelnden Gewinner ab, für den sich das Tor zum Objekt der Begierde öffnet – das neue WG-Zimmer. Die Suche danach ist ein bisschen wie MTV Next.
Gerade brodelt der Wohnungsmarkt in Rostock. Ganz viele Letztis sind jetzt fertig und verlassen Rostock (passend dazu, HIER ein schöner Artikel vom 31.8.). Ihre freien Wohnungsplätze müssen nun neu verteilt werden. Das stellt mitnichten ein Problem dar, denn eine augenscheinlich coole WG ist ab dem Moment, in dem das Inserat hochgeladen wird, wie ein Stück Brot, das in die Mitte gieriger Möwen geworfen wird – alle stürzen sich wie ein Haufen Irrer auf das Angebot.

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Screenshot: „MTV Next“

„Nette, aufgeschlossene WG sucht netten, aufgeschlossenen Mitbewohner.“

Die meisten Inserate ähneln sich in ihren Beschreibungen sehr: „Nette, aufgeschlossene WG, die gern auch mal was zusammen unternimmt oder zusammen kocht, in der sich aber auch jeder mal in sein Zimmer zurückziehen kann.“ Ach ja, fast wäre es vergessen worden: das offene Ohr. Selbstverständlich besitzen die neuen Mitbewohner so viel Sozialkompetenz, dir zuzuhören, falls du Probleme hast. Solche Inserate klingen so souverän und unantastbar wie der Wahlkampf Angela Merkels – und bei beidem fehlt der Wow-Effekt, doch wohl fühlt man sich damit irgendwie trotzdem. Für die endgültige Überzeugung müssen dann wacklige Handy-Fotos der Wohnung herhalten.

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Screenshot: „MTV Next“

Kein Ironman, sondern nur ein Sport-Goofy

Doch hast du denn eine Wahl? Im Gegensatz zur Bundestagswahl am kommenden Sonntag, nicht wirklich. Du brauchst dringend eine Bude und darum schreibst du eine einmalige Bewerbung, die du immer wieder kopierst und einfügst und dabei lügst, dass sich die Balken biegen oder dermaßen dick aufträgst, dass du der Perfektion doch recht nahe bist. Natürlich gibt es die WGs, die einfach alles bieten, was man sich wünscht – die will jedoch jeder. Und darum stellst du dich so cool und lässig dar, als wärst du Ironman höchstselbst, obwohl du in Wirklichkeit maximal die Ausstrahlung eines Sport-Goofys hast – was ja per se nicht verkehrt ist. Was gefällt, liegt im Auge des Betrachters.

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Screenshot: „MTV Next“

Das Furchtbare an dieser WG-Suche ist das demütigende Anbiedern und das – excusez-moi pour le mode d’expression – Arschgekrieche, zu dem du gezwungen bist, um das passende Zimmer bzw. überhaupt eins zu finden. Kommt dein Manifest der Selbstverherrlichung gut an, wirst du anschließend zu wildfremden Menschen eingeladen, die es dir auf anderer Seite gleichtaten. Um die Bude für die coolsten Leute auf dem Markt möglichst attraktiv zu machen, wird schonmal verschwiegen, dass dein Vormieter ausgezogen ist, weil es in der Bude schimmelt und spukt.
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Screenshot: „MTV Next“

Letzter Strohhalm Mitleid? 

Nun, die komfortabelste Situation ist freilich denen reserviert, die einfach einen Nachmieter suchen. Sie können sich einen Spaß aus dem WG-Casting machen und aus einem riesigen Pool potentieller Mitbewohner fischen und sich ihrer teils skurrilen Bewerbungen erfreuen. Die richtige Wahl obliegt ihrer Menschenkenntnis.

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Screenshot: „MTV Next“

Doch das eigentliche Drama spielt sich bei den WG-Suchenden ab. Über ihnen schwebt das Damoklesschwert, in der minütlichen Erwartung, dass jederzeit das Handy vibriert und eine erneute Absage den Tag versaut, obwohl das Gefühl doch so gut war. Allmählich sind sie sogar mit einem Pappkarton auf der Straße glücklich. Die Luft wird irgendwann dünn und das Selbstvertrauen geringer, ehe der letzte Strohhalm gezogen und der Weg des Mitleids gewählt wird: „Ich suche schon ewig und kriege nur Absagen.“ Das ist traurig, aber die vollkommen falsche Taktik.
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Screenshot: „MTV Next“

Fakt ist: Egal, wie ekelerregend anbiedernd und oberflächlich so eine WG-Suche zwangsläufig sein muss, um ans Ziel zu kommen, bleibt festzuhalten, dass du dir in diesem Haifischbecken von Wohnungsmarkt treu bleiben musst und keinen Hokuspokus über dich erzählen darfst, nur um irgendwelchen Leuten zu gefallen. Das fällt dir, sofern du damit durchkommst, wenig später eh auf die Füße – umgekehrt gilt das übrigens auch für die WGs, die einen Mitbewohner suchen. Ansonsten bleibt am Ende nur Frustration und ein Haufen Scherben aus zwischenmenschlichen Missverständnissen. Wer sich zu sehr in den Himmel hebt, kann eigentlich nur fallen.
Hach ja, diese Luxusprobleme der sogenannten Ersten Welt. Herrlich.

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