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Zwei 13-Jährige, Leichtsinn und zwei zerstörte Autos.

Kopfüber hängen wir im Auto, ein Großteil der Fenster ist zerschlagen. Nach wenigen Sekunden besinnen wir uns. Meine Freundin und ich schauen uns entgeistert an, erleichtert, dass wir beide bei klarem Verstand sind – glauben wir zumindest. Mitten in unserer Besinnungsphase reißt jemand die Beifahrertür auf und weist uns ruhig aber bestimmt darauf hin, dass wir schnellstmöglich hier rausmüssen, weil der Wagen brennt. Funktionierend taumeln wir aus dem Wrack. Am Ende qualmt das Auto nur, was bei solchen Unfällen nichts Ungewöhnliches ist. Ich schlage fassungslos die Hände über den Kopf. Was für ein Anblick. Wir sind ganz still, aber unsere Herzen rasen und wissen nicht einzuordnen, was gerade geschehen war. Es ist ein Wunder, dass meine Freundin und ich hier so stehen. Um uns herum bildet sich eine Traube von Menschen. Der Audi-Fahrerin geht es auch gut.
glas zerstört
Was war passiert? Ich fuhr mit meiner Freundin aus der Heimat zurück nach Rostock. Auf der A20, kurz hinter Wismar, erblickten wir in der Ferne zwei Gestalten auf einer Brücke, die sich auffällig verhielten. Als wir näher kamen, erkannten wir, dass es zwei Jungs waren. Einer von ihnen kletterte nach kurzem Zögern, dann aber voller Entschlossenheit, über den Zaun und stellte sich an die Kante der Brücke. Wir dachten sofort an einen Suizid-Versuch. Als der Junge sich dann am Gitter festhielt und seinen Körper nach vorne beugte, waren wir uns sicher, dass gleich etwas Grauenvolles passieren würde. Der Gedanke, jeden Moment einen Körper direkt vor uns aufschlagen zu sehen und möglicherweise noch drüber zu fahren, war unbeschreiblich schlimm. Ich blinkte und wechselte auf die linke Spur, um der Gefahrenquelle möglichst aus dem Weg zu gehen. Meine Freundin setzte das Warnblinklicht und ich bremste langsam auf ungefähr 80km/h herunter. Noch immer hing der Junge am Zaun und als ich schließlich durch die Brücke fuhr, gab es einen lauten Knall. Innerhalb weniger Sekunden lagen wir plötzlich im Seitengraben auf dem Dach.
stau
Der Junge war nicht gesprungen. Stattdessen raste mit 180km/h ein schwarzer Audi in uns rein. Eines meiner Hinterräder wurde zerstört. Mit all meinen Möglichkeiten versuchte ich unter dem Lärm quietschender Reifen das Auto unter Kontrolle zu bringen. Meine Freundin rief immer wieder: „Du schaffst das! Du schaffst das!“
Doch es war zwecklos, ich konnte lediglich die Geschwindigkeit drosseln. Ich brachte uns zwar aus der Querlage, aber den Wagen nicht zum Stehen. Und so stießen wir gegen den Bordstein und überschlugen uns. Ich weiß noch, dass ich, während wir kippten, nicht den geringsten Zweifel daran hatte, dass wir das schadlos überstehen. Ich stellte mich drauf ein, dass wir uns gleich überschlagen und ich auf meinen Kopf aufpassen muss. Und ich hatte Recht. Uns passierte nichts.  Zu hoffen blieb, dass innerlich alles heil war. Das konnten wir in diesem Moment nicht wissen. Viele Verletzungen offenbaren sich bekanntlich erst, wenn das Adrenalin raus ist. Ebenso erleichtert waren wir, als sich herausstellte, dass der Audi-Fahrerin auch nichts Schlimmeres passierte. Sie hatte den Jungen ebenfalls gesehen, der hinter dem Zaun stand und vermutete wie wir. Wahrscheinlich war sie abgelenkt und kollidierte deshalb mit uns.
wahndreieck
Unglaublich viele Leute hatten angehalten, um uns zur Hilfe zu eilen. Sie waren sofort für uns da. Das gab uns unheimlich viel Sicherheit und beruhigte uns – allein ihre Anwesenheit. Sie redeten behutsam mit uns, gaben uns Warnwesten, stellten das Warndreieck auf, riefen Polizei und Krankenwagen und reichten uns Wasser. Die Menschen funktionierten als hilfsbereite Einheit. Das zu sehen, war rührend und bestärkend.
Selbst wenn es als selbstverständlich gelten sollte, ist solch ein couragierter Einsatz nicht immer zu erwarten. Und dafür sind wir unendlich dankbar. Ich kann es nun aus Erfahrung sagen, wie viel einem so etwas gibt. Auch die Polizei handelte vorbildlich. Sie hatten die Unfallstelle in all dem Trubel komplett im Griff, waren einfühlsam und hatten den ein oder anderen lockeren Spruch drauf, um der Situation die Anspannung zu nehmen.
Sanitäter
Vor allem möchte ich auch meinen Hut vor den Sanitätern ziehen. Diese Jobs können nicht genug gewürdigt werden. Sie leisten Großartiges und haben uns in einer unvergleichbaren Ruhe von oben bis unten durchgecheckt und alles in die Wege geleitet, damit auch ja jedes kleinste Risiko einer körperlichen Schädigung ausgeschlossen werden kann.
Man bedenke nur, dass sie in vielen Situationen auch selbst ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn sie mit Blaulicht durch den Stadtverkehr eilen müssen und manche es nicht mal hinkriegen, eine Rettungsschneise zu bilden. Diese Leute müssen Nerven wie Drahtseile und einen extrem starken Charakter haben. Zu keiner Sekunde ließen sie unseren Zustand außer Acht, kontrollierten jede Regung unseres Körpers und gaben uns das Gefühl von Sicherheit.
Polizeiblaulicht
Die Jungs, die anfänglich – wahrscheinlich auch unter Schock – noch auf der Brücke standen, waren übrigens verschwunden, kehrten später jedoch mit ihren Eltern zurück und wurden von der Polizei befragt. Sie sagten, sie hätten den Autos lediglich gewunken.
Wir verstehen ihre Position, dass sie in diesem Moment einfach ihre Haut retten wollten. Allerdings hoffe ich, dass ihnen klar wird, dass sie wirklich einen schweren Fehler begangen haben und wir alle – auch sie selber – enormes Glück hatten, dass „nur“ die Autos geschrottet wurden. Ich hätte schwer damit leben können, wäre ich wirklich Zeuge eines Suizids geworden oder auch nur irgendjemand schwerwiegende oder lebensverändernde Verletzungen davongetragen hätte.
Am Ende handelte es sich angeblich um eine Mutprobe. Mutproben gehören in dem Alter dazu, unreflektiertes Verhalten ebenso. Doch diese Aktion sprengte den Rahmen. Es standen Leben auf dem Spiel, was den Jungs nicht klar gewesen sein wird. Das Mindeste, was meine Freundin und ich uns von ihnen wünschen würden, wäre eine Entschuldigung und dass sie zu ihrem Mist stehen. Das ist bisher leider nicht geschehen.
Man hört viel von solchen Sachen. Irgendwelchen Idioten, die lebensgroße Puppen an Autobahnbrücken aufhängen oder Steine herunterwerfen. Oder von schlimmen Unfällen. Man wundert sich, wie viele Leitplanken zerbeult und Bremsspuren auf den Autobahnen zu sehen sind oder wie viele Kreuze am Straßenrand stehen. Es ist schwer vorstellbar, dass man selbst in solche Unfälle verwickelt sein könnte. Man muss nicht immer Schuld sein. Manche setzen sich übermüdet ans Steuer, streiten sich im Auto, präferieren das Handy statt den Straßenverkehr – oder messen sich in Mutproben. Und warum? Weil sie nicht damit rechnen, dass ihnen etwas Schlimmes passieren könnte und sie meinen, die Kontrolle zu haben. Das Schicksal ist nicht immer fair, aber an diesem Tag meinte es im Endeffekt jemand gut mit uns.
Im Nachhinein stellt man sich viele schicksalhafte Fragen. Was wäre passiert, wenn ein PKW oder gar LKW uns erwischt hätte, als wir uns für kurze Zeit quer auf der Autobahn befanden? Was wäre, wenn der Junge tatsächlich gesprungen wäre? Was wäre, wenn wir uns nicht angeschnallt hätten? Was wäre, wenn die Audi-Fahrerin oder einer von uns beiden ums Leben gekommen wäre? Tja. Was wäre, wenn…
In der kommenden Woche standen für uns wichtige Prüfungen an, die uns tagelang vermeintlich das Leben schwer machten. Wie nichtig so eine Prüfung plötzlich werden kann – und wie wenig emphatisch manch einer reagiert, der hinter der Äußerung eines solchen Vorfalls einen Zweck vermutet, nur weil man keinerlei äußere Schäden davon getragen hat. Vielleicht liegt es in der Natur manches Menschen, erst dann eine Situation zu realisieren, wenn sie offensichtlich ist oder ihm ins Gesicht springt.
*die verwendeten Bilder sind keine Originalbilder des Unfallortes

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