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Wer ist hier kacke? Rostocks Lehramtsstudium oder seine Studenten?

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Kommentar – Vor Kurzem sorgte eine Studie unserer Uni über den individuellen Studienverlauf bei Lehramtsstudenten in Rostock und Greifswald für Schlagzeilen und sprach vielen Lehramtsstudenten aus der Seele: Das Studium für Lehrämter taugt nichts. Das zeigt allein die alarmierend hohe Abbruchquote. Endlich sagt´s mal einer! Oder?

Die veröffentlichten Zahlen lassen einen schaudern und für die Schulen in MV nichts Gutes hoffen. Für Grundschulen haben in Rostock bis zum Ende des 10. Semester 30 % der Lehramtsstudenten ihr Studium abgebrochen, für Gymnasien 65 % und für Regionale Schulen gar 70 %. Diese Studenten wurden nach Gründen gefragt und nannten den fehlenden Praxisbezug, die fehlende Übereinstimmung der Studienerwartungen mit der Studienrealität, zu hohe Leistungsanforderungen, zu viele Prüfungsleistungen und eine verkorkste Studienorganisation. Alles durchaus problematische und herausfordernde Begebenheiten. 

Andererseits: Die Schuld immer nur auf andere zu schieben, ist dann vielleicht doch etwas einfach – aber typisch. Wenn Studenten eines können, dann den Finger heben und zu beklagen, was alles unfair ist und falsch läuft. Das Lamentieren liegt uns. Das Lehramtsstudium ist zugegebenermaßen tatsächlich eher dürftig und wenig praxisorientiert. Doch tummeln sich in den überfüllten Seminarräumen und Hörsälen ebenso dürftige und wenig praxisorientierte Studenten, bei denen schon die Frage erlaubt sein dürfte, ob sie wissen, was sie da tun. 

Nach dem Abi ist die Entscheidung zum Lehramtsstudium nicht selten eine sehr unreflektierte. Irgendwas mit Kindern machen, ist doch chillig. Man hat außerdem Ferien, verdient gutes Geld – das sind die bekacktesten Kackgründe, die man sich zur Berufswahl eines solchen Jobs aussuchen kann. Und plötzlich landet man im Referendariat in einem 400-Seelen-Dorf und realisiert, den Tränen nahe, dass dieser Ort „eine ganz andere Welt als Rostock“ ist. Eine – in Anführungszeichen – sehr gefestigte Lehrerpersönlichkeit, wenn selbst eine vorübergehende Tätigkeit an einer Dorfschule beinahe zu einem Nervenzusammenbruch führt. Die Verbeamtung nimmt man gerne mit –  selbstverständlich nur die Vorzüge, versteht sich. 

Freilich, jeder hat seine lokalen Wünsche, niemand lässt sich gerne kompromisslos vorschreiben, wo man arbeiten soll, jeder wurde in anderen Umgebungen sozialisiert, die im Leben zur Gewohnheit wurden. Dadurch kann eine Versetzung in eine Gegend, die alles andere als präferiert wird, schon ein kleiner Schock sein. Diesen Arbeitsplatz jedoch kategorisch abzulehnen und sofort in den Zustand zu verfallen, sich über die vermeintliche Ungerechtigkeit zu beklagen, die einem angetan wird, spricht Bände über einen großen Teil der Lehramtsstudenten.

Foto: instagram @campus.mag

Die Bildungs- und Erziehungswissenschaften sind keine Raketenwissenschaft. Und wer meint, seine Fachwissenschaft nicht zu packen, sollte nicht gleich die Flinte ins Korn werfen und aufgeben. Jeder, der vom Herzen Lehrer werden und vor einer Klasse stehen will, um zu unterrichten und sich der elementaren Verantwortung zu verschreiben, junge Menschen zu bilden, der wird mit diesem Ziel vor Augen Widrigkeiten entweder überstehen oder konstruktiv etwas dagegen tun. Doch tätig, werden nur die Wenigsten. Eher geht man an seinem Selbstmitleid zugrunde.

Vieles, das im Studium beklagt wird, ist auch nur eine Tarnkappe des eigenen Phlegmas. Das beste Beispiel ist der oft bemängelte Praxisbezug. Zweifelsohne, die in der Uni vermittelten Dinge, die im späteren Lehrerberuf nützlich sein werden, sind rar gesät. Das hindert jedoch niemanden, sich praktisch zu bilden und sich dabei sogar das Studium zu finanzieren. Bemüht euch um einen Vertretungslehrer-Job oder macht außeruniversitäre Praktika. Die Schulen werden es euch danken! Möglichkeiten gibt es viele. Wer will, der kann.

Die Deutsche Bildungspolitik: Auch bekannt als verrückter Taubenmann.

Die Abbruchquote sieht nicht schön aus, muss aber nicht zwingend schlecht sein. Ganz klar, der Lehrermangel ist dramatisch und hat auch viele politische Gründe. Deutsche Bildungspolitik gleicht einem verwahrlosten Obdachlosen, der Tauben füttert und macht den Lehrerberuf wenig attraktiv. Doch jene Studenten, die ihr Studium abbrechen, haben für sich vielleicht verstanden, dass der Lehrerberuf nichts für sie ist oder wären für diesen eh nicht qualifiziert. Wer seinen Studiengang abbricht, dem fehlt vielleicht auch das nötige Rüstzeug für den angestrebten Beruf, um mit Widrigkeiten klar zu kommen oder gegen diese vorzugehen. Am Ende bleibt den Schülern nur ein weiterer Lehrer erspart, dem weder die Bildung noch das Unterrichten am Herzen liegt. Manche können es auch einfach nicht, auch wenn sie wollen würden. Schuld am eigenen Scheitern sind meistens trotzdem andere.

Liegt das Problem also zu einem großen Teil auch an uns Studenten selbst? Sind wir zu verwöhnt, zu wenig resistent gegenüber Widrigkeiten und höheren Ansprüchen? Hat unsere Generation eine Aufgeber-Mentalität? Neigen wir etwa zu einer Art selbstgefälligem Narzissmus, zu glauben, dass uns bedingungslos alle Wege offen stehen? Sind wir wie Junkies, die sagen, sie könnten jederzeit aufhören – aufhören, Verantwortung von uns zu schieben?

rostock

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5 Comments

  1. „Am Ende bleibt den Schülern nur ein weiterer Lehrer erspart, dem weder die Bildung noch das Unterrichten am Herzen liegt.“

    Die eigene Erfahrung über die letzten Semester hat mir ganz eindeutig gezeigt, dass die Studierenden, die für den Lehrerberuf sehr gut geeignet wären an diesem „Fachidioten-Studium“ verzweifeln und nur allzu oft, die Studierenden, die für den Beruf so gar nicht geeignet sind, durchkommen. Das sehen auch ein Großteil unserer Dozierenden aus den Bildungswissenschaften so. Euer Artikel ist unmöglich und hat wenig mit der Wirklichkeit zu tun – wohlgemerkt wie so oft. Ihr bleibt nicht umsonst anonym. Journalisten seid ihr mit Sicherheit nicht.

    • Wir sind in erster Linie Studenten und wir bleiben nicht anonym. Die Namen stehen doch über den Artikeln. Und das mit den Fachidioten stimmt, aber es ist ein bisschen einfach und selbstgerecht, sich als Student gänzlich aus der Verantwortung zu nehmen, wenn man es zulässt, zum Fachidioten zu werden. Dagegen kann man was tun. Wie im Artikel vorgeschlagen, bestünden genug Möglichkeiten, praktisch mit Kindern tätig zu werden. Dazu sind dann einige wiederum nicht bereit, obwohl sie die Zeit dazu hätten – freilich trifft das nicht auf alle zu. Stattdessen ruhen sich viel zu viele darauf aus, dass der allgemeine Konsens lautet: Das Lehramtsstudium taugt nichts und deshalb lehne ich mich zurück und habe das als Ausrede, wenn mein Studium in die Binsen geht oder es mir an Praxiserfahrungen mangelt.
      Wir haben bei Facebook genug Kommentare von Leuten, die sich angegriffen fühlen, weil sie sich ihren Arsch für das Studium aufreißen. Diese Studenten sind von der Kritik in unserem Artikel aber auch nicht betroffen. Dass das Gegenteil unserer Darstellung mehr als präsent vorhanden ist, haben wir auch nie bestritten, ebenso wenig, dass das Lehramtsstudium im Großen und Ganzen in Rostock Mist ist.
      Unser Artikel soll ein Denkanstoß sein und vielleicht einige, die sich angesprochen fühlen, zu einem Perspektivenwechsel bewegen – und sei er nur zu kurzfristigen selbstreflektorischen Zwecken. Doch das wäre womöglich zu viel verlangt. Wir behaupten nicht, dass der Text die unangefochtene Wirklichkeit darstellt, die jeder Leser als solche zu akzeptieren hat. Im Gegenteil, wir wollten einen Diskurs lostreten und wenn er die Mehrheit dazu bewegt, zu sagen, dieser Artikel ist eine Frechheit, dann ist das keine unerwünschte, sondern sogar erwartete Reaktion. Unerwünscht sind Kommentare, die emotional, persönlich und ohne darüber nachzudenken, direkt nach dem Lesen verfasst wurden.
      Es gibt aber auch Leser, die die Meinung des Artikels teilen und nachvollziehen – oder es zumindest versuchen. Denn letztendlich ist es doch so, dass die Wahrheit niemals einseitig ist. Die hohen Abbruchquoten sind nicht ausschließlich die Schuld der Uni, sondern auch die einiger Studenten selbst. Und Studenten, die nur die Schuld bei anderen suchen, nur einseitig nach der Wahrheit suchen, nicht fähig sind, sich selbst zu hinterfragen, sich bei Missständen selbstgerecht zurücklehnen und Verantwortung von sich weisen, sind weder eines Studenten noch eines Lehrers würdig. Würden solche Studenten ihr Studium abbrechen, tun sie den Schülern und der Uni einen Gefallen. Oft wurde in den Kritiken zu diesem Artikel von Pauschalisierungen geredet und gleichzeitig in die andere Richtung wenig differenziert. Dabei ist nicht einmal die Rede davon, dass wir alle Studenten kritisieren. Am Ende stellen wir Fragen, keine Aussagesätze. Es sind Fragen an Studenten. Wer selbstreflektorische Kompetenzen besitzt und merkt, dass diese Fragen einen betreffen, der sollte sich Gedanken machen. Wen diese Fragen nicht betreffen, muss sich nichts vorwerfen.
      Auch der Autor ist vom Lehramtsstudium genervt und sich der vielen Missstände bewusst, die ihm oft genug den Weg zum Examen erschwert haben. Gleichzeitig kam er in nun fast fünf Jahren Studium oft genug mit Studenten in Kontakt, wie sie in dem Artikel beschrieben wurden. Und ebenso oft wurde er von Studenten begleitet, die sich nicht unterkriegen lassen, gegen diese Missstände vorgehen, sich engagieren, in der Praxis tätig sind, drei Prüfungen in einer Woche schreiben, auch mal auf die Schnauze fallen und es trotzdem schaffen. Da gibt es genug Kommilitonen, die mit weit weniger Widrigkeiten zu kämpfen hatten und selbstgerecht all ihre Probleme auf die Uni schoben. Und diese Studenten kritisieren wir.

  2. Ich selbst studiere Sonderpädagogik an der Uni Rostock und ich kann mich nicht beklagen. Ich bin bisher gut durch mein Studium gekommen, aber nur, weil meine Fächerwahl günstig war.

    Meine Kommilitonen, die Grundschullehramt mit der Sonderpädagogik kombiniert haben, haben letztes Jahr gut in die Röhre geguckt, die mussten nämlich ein komplettes Jahr in Mathe aussetzen, weil es keine Dozenten gab.

    Ich finde man darf sich über Misstände aufregen, wenn in einem Seminarraum, der für maximal 15 Leute ausgelegt ist, 20-30 Studenten zusammengepfercht werden, wie in der Massenzucht. Und draußen stehen weitere 20, die in diesem Seminar mal wieder keinen Platz bekommen haben. Dass es auch anders geht, kann man bei fast jeder Naturwissenschaft sehen, denn da ist das große Geld plötzlich vorhanden. Die bauen sich für eine viel kleinere Anzahl an Studenten riesige Paläste in der Rostocker Südstadt, während die Lehramtsstudenten im Bebeltower versauern. Das ganze hat eindeutig die Struktur einer Zweiklassengesellschaft und wie immer regiert Geld die Welt. Bildung bringt nichts rein, Bildung kostet nur. Schade, dass die Verantwortlichen immer noch nicht erkennen, dass ohne Bildung gar nichts geht und dass sie das Wertvollste ist, was wir haben.

    Nein, uns geht es nicht schlecht, wir müssen nicht Hunger leiden, wir haben ein Dach überm Kopf und ein warmes Bett, aber wir haben den Vergleich. Wir sehen, dass es auch besser geht, hier in Rostock. Und wir fühlen uns betrogen, weil das Geld immer nur da hin fließt, wo eine gewisse Gegenleistung materieller Art erwartet werden kann.

  3. Eigentlich wird nicht verallgemeinert, sondern provokativ – so gut wie möglich -der Konjunktiv verwendet. Wenn dies nicht ausreichend gelungen ist: pardon.
    Es geht außerdem auch nicht um Repräsentatives, sondern um einen Diskussionsansatz für eine differenzierte Betrachtung der Dinge. Unser Artikel erhebt keinesfalls den Anspruch, Recht zu haben. Das würden wir uns niemals anmaßen.
    Und ja, es wird bewusst den halben Artikel über die Erwartungshaltung der Studis schwadroniert, da diese in nicht wenigen Fällen ein Problem und eine Blockade für sie selbst darstellt.
    Und zum Thema „FÜR Studierende“: Es ist nicht unser Ziel, uns zu den Anwälten der Studierenden zu erheben. „FÜR“ bedeutet nicht, Partei für sie zu ergreifen, sondern sie anzusprechen – ob wir ihnen nun den Bauch pinseln, sie provozieren, informieren oder kritisieren.

    LG,

    die Redaktion

  4. Bodenlose Verallgemeinerung aller Lehramtsstudierenden. Wie hier einfach in lächerlichster Art und Weise mit diesem Thema umgegangen wird, ist keineswegs repräsentativ. Wer den halben Artikel darüber schwadroniert, was denn die Studis für bescheuerte Erwartungen und „bekackte Kackgründe“ hätten, der hat keinerlei Ahnung von der Materie und nebenbei auch noch das eigentliche Thema weit verfehlt.
    Nebenbei auf Facebook grauenhaft Clickbait betrieben.
    Fazit: Weder ein „Informationsportal“ noch „FÜR Studierende“ – mehr die studentische Bild Zeitung.

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