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Kollektives Schweigen: Warum wir die Strategie unserer Anti-Nazi-Demos überdenken sollten

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(Kommentar)

In Deutschland rumort es. Alle sind plötzlich entweder Nazis, Terroristen, Gutmenschen, Wutbürger oder was auch immer. Begriffe wie „Meinung“, „Volk“ und „Heimat“ sind negativ besetzt. Alles, das nicht niet- und nagelfest ist, wird derzeit irgendwie instrumentalisiert. Die neue deutsche Volkssportart scheint die des „Hochschaukelns“ zu sein. Langjährige Weggefährten lassen plötzlich Sätze verlauten, die unsereins Schlucken lassen. Was geht hier eigentlich ab?

Wenn ich zurück in meinem Heimatort bin, treffe ich viele Weggefährten, die mich die Schulzeit über begleitet haben. Einige von ihnen blieben auf dem Dorf, hatten Probleme mit Jobs, es fehlt teilweise an Perspektive und Abwechslung, Langeweile macht sich breit. Persönlicher Kontakt zu Fremden fehlt. Kommt man mit diesen alten Kindergarten-Freunden ins Gespräch, höre ich zwischen den Zeilen sehr viel Frustration, teilweise auch Neid. Sie denken und reden einfach, aber vor allem voreilig. Ihre Argumentationskette setzt sich aus Floskeln zusammen, nur wenig wirkt fundiert. Sie wissen es nicht besser. Es spricht die reine Emotion.

Es ist schwer mit ihnen über die Situation in Deutschland zu reden. Und es fällt noch schwerer, selbst nicht auch emotional zu werden, wenn man manche Aussagen von Freunden hört, denen man das nie zugetraut hätte. Sie schieben bei jedem Statement, das sie als vermeintlichen Rassist enttarnen könnte, das klassische „Ich bin kein Nazi, aber…“ voran. Ich kann diese Rechtfertigungen nicht mehr hören. Nicht, weil sie für mich durch derlei Aussagen Nazis wären, sondern weil mir diese Unsicherheit meiner Freunde das Herz zerreißt. Nichts macht das kommunikative Problem zwischen den Menschen in Deutschland besser sichtbar, als dieses vermaledeite „Ich bin kein Nazi, aber…“. Ich antworte mittlerweile jedes Mal, noch bevor einer dieser Freunde seinen Satz weiterführen kann, dass ich weiß, dass er kein Nazi ist. 

Diskriminierung ist keine Alternative.

Viele meiner „Nicht-Nazi-Freunde“ sind unzufrieden mit der Regierung und der Flüchtlingspolitik, sagen aber gleichzeitig, dass sie die AfD nicht wählen – und trotzdem werden sie von manchen sofort als Nazis beschimpft, sobald sie eine kritische Äußerung gegenüber Ausländern tätigen. Ich weiß nicht, ob sie wirklich nicht die AfD wählen oder Angst haben, sich zu outen, aber ich will es ihnen glauben.

Trotzdem denken sie teilweise sehr rechts. Rechts zu denken, ist einfach. Vielleicht sogar das einfachste auf der Welt. Diese Denkweise legitimiert, das Fremde als die Mutter allen Übels zu bezeichnen, wodurch man jede Verantwortung von sich weist. Das ist eine sehr bequeme und selbstgerechte Gesinnung und darum so leicht zu aktivieren. Hingegen ist das vielleicht schwerste auf der Welt, zur eigenen Fehlerhaftigkeit zu stehen. Die eine Sache folgt der überlegten Reflexion, die andere der affektiven Emotion. Beides sind Eigenschaften, die den Menschen als Wesen einzigartig machen und ihn gleichermaßen individuell in seiner Gesinnung trennen. Des einen Waffe ist lautes Gebrüll, des anderen eine überlegte Tat. 

Foto: instagram@ delariakuehn

Wer nur der Emotion folgt läuft Gefahr, blind für eine differenzierte Lösung zu werden. Eine emotionale Diskussionsgrundlage hat auch zur Folge, dass die unterschiedlichen Meinungslager in ihren Ansichten kompromissloser werden und sich extremisieren. Sprich: Sie werden durch ebenfalls emotionale Gesprächspartner in eine Richtung gedrängt, in die man sie nicht treiben will. Wer dauerhaft als etwas bezeichnet wird, das derjenige per Selbstdefinition nicht ist oder sein will, wird irgendwann resignieren und den Status aus Trotz annehmen. Schlimmer noch ist dabei eine Orientierungslosigkeit, die durch pauschalisierende Zuordnungen verstärkt wird. Um eine Orientierung für sich zu finden, ist der Weg der Emotion wieder der kürzeste.

Manchmal hat man auf beiden Demonstrationsseiten das Gefühl, dass es einem großen Teil vor allem auch um das Ereignis geht, bei dem man mal ordentlich laut pöbeln kann. In Anbetracht dessen: Wie wäre es, wenn wir, die keine Nazis sind, einfach mal nicht brüllen würden wie die Tiere und dabei genauso pauschalisierend, emotional und voreilig Urteile über Menschen fällen, wie unsere verhasste Gegenseite?

Wie wäre es, wenn wir uns dem Stilmittel der Provokation und Anfeindung entziehen und auch nicht darauf reagieren würden? Wenn wir, anstatt uns gegenseitig hochzuschaukeln, einfach etwas Unerwartetes machen? Wenn wir nicht stumpf „Nazis raus!“ schreien, sondern einen rechten Demo-Zug einfach nur kollektiv mit eiskaltem Schweigen begleiten, mit Schildern in der Hand, die nicht weiter spalten, sondern Bilder zeigen und konstruktive Argumente und Fakten präsentieren. Manche mögen die Fakten verleugnen, aber andere werden nachdenken.

Warum signalisieren wir den „Ich bin kein Nazi, aber…“-Leuten nicht, dass wir sie nicht aufgegeben haben und wir ihnen die Hand reichen, um sie aus dem braunen Sumpf herauszuziehen, wenn sie es aus eigener Kraft nicht schaffen – oder weil ihnen der Mut fehlt, über eigene Fehlerhaftigkeit nachzudenken. Niemand sollte die Kraft des Nonverbalen und des Symbols unterschätzen. 

rostock

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1 Comment

  1. Dem Autor empfehle ich das Nachlesen der Inhalte, die auf den letzten AfD-Demos verbreitet wurden, einen Vergleich mit den Inhalten der Propagandareden des Dritten Reiches und zu guter Letzt mal einen Blick auf das Klientel, dass an diesen Demos teilnimmt – Militante Neonazikameradschaften, Identitäre Bewegung, PEGIDA-Funktionäre. Viel Spaß beim diskutieren und Faktentauschen mit diesen Leuten, insbesondere, wenn man nicht weiß und „deutsch“ ist.

    22.09. – Alle auf die Straße gegen alte und neue Nazis!

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