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Schimmelpilz und dunkle Raves: Rostocks vergessene Katakomben

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Vor gar nicht allzu langer Zeit, als in der Doberaner Straße 144 weder Lidl noch Wohnungen vorzufinden waren, stand an selber Stelle die noch nicht restaurierte Ruine der alten Anker-Spirituosen-Fabrik: der Eingang in die Katakomben von Rostock.

Das schwarze Auto wurde all die Jahre nicht umgeparkt. Der Fahrzeughalter wird gesucht.

„Es war pilzig und am nächsten Morgen hat man schwarzen Ekel ausgehustet – aber es lohnte sich. Da unten fand man das, was man unter einem richtig fetten Rave versteht!“ So bewertet Ronny (32) rückblickend die Partys in den verlassenen „Katakomben“, wie er die Kellergewölbe des Ankers gegenüber des Peter-Weiss-Haus‘ nennt. Heute ist daran nicht mehr zu denken. Die Ruinen sind längst zu einem Multifunktionsgebäude restauriert worden und teilweise einem Parkplatz gewichen. Schicker Glanz, statt maroder Techno-Hölle.

Aber fangen wir von vorne an: Der Anker hat eine lange und belebte Geschichte. Als Spirituosenfabrik in den 1870ern gegründet, übernahm vorübergehend die Brauerei Mahn & Ohlerich, ehe das Gebäude nach dem Krieg zu seinen Wurzeln zurückkehrte und wieder Schnaps brannte. 1994 wurde die Produktion eingestellt und stand bis zu dem Zeitpunkt der Restauration leer. Nach einem Brand im Jahr 1998 war das Gebäude praktisch unbrauchbar.

Feiern bis der Pilz von der Decke fällt. – Foto: Amt für Kultur, Denkmalpflege und Museen

In dieser Zwischenzeit eignete sich das technowütige Partyvolk der Stadt die leerstehenden Kellergewölbe des Ankers an. In düsterer Atmosphäre donnerten unter der Doberaner Straße bei schlechter Beleuchtung und blitzenden Strobos die Bässe. Für Strom sorgten benzinbetriebene Generatoren und bestimmten die Dauer der Party, sofern die Polizei nicht schneller war. Ein illegaler Rave wie er im Buche steht. Wer Rostocker Underground suchte, fand ihn wortwörtlich dort. Für nicht wenige ist solch eine Location ein absoluter Traum.

Na, dann erst recht! – Foto: Screenshot YouTube (xmann1591 „Ehemalige Anker-Spirituosenfabrik Rostock“)

Natürlich war es nicht erlaubt, das Grundstück zu betreten, nicht zuletzt wegen einer gewissen Einsturzgefahr und fiesem Schimmelpilz, der wie ein finsterer Dämon die Wände entlang kroch. Dieser rief den von Ronny beschriebenen „schwarzen Ekel“ am nächsten Morgen hervor. Man war „sozusagen auf Pilzen, selbst wenn man keine genommen hat“, lacht der 32-Jährige heute.

Nüchtern und im Hellen waren die Katakomben schon ein schauriger Irrgarten voller Schlafplätze von Obdachlosen und Graffities. Überall gab es Stolperfallen und viel tiefere Pfützen als man zunächst annahm. Und nun stellt euch das Ganze auf diversen legalen und illegalen Drogen vor. Es ging sogar das Gerücht um, dass es dort unten spuken soll, berichtet Ronny mit einem Schmunzeln. „Allerdings“, so fährt er fort, „könnten bestimmte Substanzen dort einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet haben. Einige Leute waren da unten schon gruselig, obwohl sie noch am Leben waren.“ Liegt nahe.

Der Geist der Katakomben? – Foto: reutershagen.de

Von einem Irrgarten zu reden, ist nicht übertrieben, denn mit den Kellergewölben des Ankers war noch lange nicht Schluss. Eine Erkundung der Katakomben war (besonders nachts) ein spannendes Abenteuer voller Überraschungen. So kam man über vier große Kellerröhren in einen Raum, in dessen Nähe sich ein langer, unterirdischer Tunnel befand, der direkt unter der Doberaner Straße zur diagonal gegenüberliegenden Rostocker Brauerei führte. Dort stieß man auf riesige Lagerhallen.

Die Katakomben existieren laut Informationen aus dem Amt für Kultur, Denkmalpflege und Museen noch immer. Im Zuge der Restaurierung sind die ehemaligen Lagergewölbe mittlerweile trocken und gut gelüftet – Schimmelpilz adé. Genutzt werden die Räume und Hallen gegenwertig jedoch nicht. Schade eigentlich.

Also, vielleicht denkt ihr bei eurem nächsten Einkauf im Lidl einfach mal an die vergessenen Katakomben Rostocks und die wunderbar düsteren Raves, die dort unten stattfanden. Wenn ihr eure Ohren spitzt, könnt ihr vielleicht noch immer die donnernden Bässe hören.

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