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Interview mit einer Möwe:
„Wir asozialisieren uns durch Euren Einfluss!“

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Vor ein paar Wochen fragten wir bei einer Möwe an, ob sie sich für ein Interview bereit erklären würde. Divenhaft wie Möwen nun mal sind, wurden wir erstmal hingehalten. Doch letztendlich konnten wir sie für ein Gespräch begeistern. Der Deal: eine Waffel als Bezahlung. Das bisschen Kleingeld hatte unser Redakteur auch noch. Etwas nervös machte er sich auf zum abgemachten Treffpunkt an der Brücke „Alter Strom“ in Warnemünde. Und dann kam das Interview:

Möbius Möwe in seiner Hood.

Sehr geehrte Frau – oder Herr? – Möwe,…

Das geht ja gut los. HERR Möwe, Sie Idiot. HERR Möbius Möwe.

Pardon. Ja, natürlich. Weibchen sind in der Tierwelt ja bekanntlich weniger schön.

Ah. Super, dass wir die Abgrenzung gleich zu Beginn klären. Sie sind ein Mensch, ich ein Tier. Da liegt ja schon das Grundproblem. Durch diesen Terminus deklarieren Sie mich gleich als minderwertig, nicht menschlich. Damit erheben Sie sich auf einen Thron. Das ist ok. So sind Menschen – sie kategorisieren. Das ist wahrscheinlich eine Form von Selbstschutz. Aber dann müssen Sie nicht gleich unsere Frauen als „weniger schön“ beleidigen – zumal diese Annahme schlicht falsch ist. Optisch sind wir Silbermöwen uns quasi gleich. Wir unterscheiden uns nur hinsichtlich der Größe. Ich merke, Sie sind „gut“ vorbereitet.

Ok, das tut mir leid. Ich wollte niemandem zu Nahe treten.

Sind Sie aber.

Wie gesagt: Es tut mir leid. Also beginnen wir doch bitte das Interview.

Auf nichts anderes warte ich.

Sehr geehrter Herr Möwe, warum haben Sie sich diesen Treffpunkt hier ausgesucht?

Das hier ist meine Heimat. Hier bin ich aus einem von vier Eiern geschlüpft und aufgewachsen. Warnemünde ist mein Revier. Ich hab hier einiges zu sagen. Nicht umsonst nennt man mich auf den Dächern auch Steven Seagull. Die Möwen haben Respekt vor mir.

Angeblich macht Mike nur Spaß – meint Möbius.

Wir spazieren ein wenig den Alten Strom entlang, Richtung Mole. Die Möwe nickt indes anderen Möwen zu, pickt hier und dort etwas vom Boden auf und gibt manchmal einen Schrei von sich.

Was haben Sie den anderen Möwen mit den Schreien gerade mitgeteilt?

Ach, nur ein paar Witzeleien. Der Inhalt würde Sie nur verletzen. Um ehrlich zu sein, sind Menschen ziemlich seltsame Wesen, mit schwer nachvollziehbaren Eigenarten und Verhaltensweisen. Ihre Bewegungen sind so unbeholfen. Das ist schon ziemlich amüsant. Wissen Sie, Menschen sind doch im Grunde ein Virus für die Welt, der sich unaufhörlich ausbreitet. Wir lassen uns das Leben dadurch nicht verderben und nehmen das unausweichliche Schicksal mit Humor. Und am Ende profitieren wir ja sogar von euch. Wir freuen uns schon auf die Hauptsaison.

Sie bezeichnen Menschen als „Virus“? Das tut weh.

Ja. Und ihr bezeichnet uns als „Ratten der Lüfte“. Nun seien Sie nicht so sensibel. Die Wahrheit tut manchmal weh.

Möbius Möwe: Mag Waffeln lieber als Fischbrötchen.

Lassen wir das mal so stehen. Wie meinen Sie das mit dem „profitieren“?

Können Sie sich diese Frage nicht selbst beantworten? Mehr Menschen bedeuten eine gehäuftere Gleichgültigkeit – und das bedeutet mehr Futter für uns.

Wie darf man das Verstehen?

Die Möwe fliegt auf einen Mülleimer.

Noch Fragen? Gucken Sie sich den Mülleimer an. Er quillt über vor potentiellem Futter. Ihr lebt in so einem Überfluss, dass ihr euer ganzes Zeug halbaufgefressen in den Müll werft. Und meistens habt ihr nicht mal die Muße, die Abfalleimer zu benutzen. Ihr schmeißt so viel weg, da wäre es nur dumm, keinen Profit aus eurer Gleichgültigkeit zu schlagen. Warum sollten wir uns bemühen, nach Futter zu suchen, wenn ihr uns täglich den Tisch deckt? Und wenn ich mir Ihren Bubenbusen so angucke, sind Sie wahrscheinlich auch eher weniger der Typ, der sich großartig bemüht, um an Nahrung zu gelangen.

Ein Moment der Stille.

Autsch. Also ist das Feindbild der gierigen Möwe ein Trugschluss?

Na, machen Sie sich doch mal ‘ne Rechnung. Ihr mästet uns ja förmlich – und dann beschwert ihr euch, dass wir „gierig“, „dreist“ und „überall“ sind. Diese Attribute sollten eurer Rasse doch vertraut sein. Wir brauchen nicht mehr, doch ihr liefert unaufhörlich. Im Grunde asozialisieren wir uns durch euren Einfluss.

Trotz des Überflusses greift ihr Menschen an.

Ich verstehe diese Aussage nicht. Was wollen Sie mir damit sagen? Dass wir euch Leid zufügen, dass wir euch verletzen? Kommen Sie sich dabei nicht lächerlich vor? Ihr lebt auch im Überfluss und greift alles und jeden an. Und überhaupt: Wer greift hier wen an? Eure Blagen erfüllt es mit unfassbarer Freude, uns zu erschrecken, auf uns zuzulaufen und eine Hetzjagd zu veranstalten. Das ist doch krank. Mein langjähriger Kumpel Richard Gier, dessen Name tatsächlich Programm war, verschluckte sich vor Schreck, als ein Menschenkind sich anpirschte und ihn jagte. Wir haben Richard kurz darauf in der Düne gefunden. Er war während seiner Flucht erstickt und abgestürzt.

Die Aussage zielt eher darauf ab, dass ihr Menschen im Sturzflug das Fischbrötchen aus der Hand reißt. Warum macht ihr das?

Lieber noch Eis – die Waffeln sind großartig. Keine Sorge, ich habe schon verstanden, worauf Sie hinauswollen. Ich finde es nur bemerkenswert, wie gut ihr darin seid, mit zweierlei Maß zu messen. Setzt doch mal euren globalen Diebstahl in ein Verhältnis mit unserem. Ein Fischbrötchen gegen – nun, suchen Sie sich etwas aus. Und warum wir das tun? Weil wir es können. Es ist doch phänomenal, dass sich das intelligenteste und gefährlichste Raubtier des Planeten so einfach von einer vermeintlich dummen Möwe überlisten lässt.

Das einzige Bild, das Möbius von seinem Vater hat. Hier zu sehen, während seines Militärdienstes 1988 in Dnipropetrovsk.

Könnten Sie sich vorstellen, im Alter nochmal Warnemünde zu verlassen?

Nee. Wo soll ich denn hin? In die Innenstadt? Warnemünde ist meine Heimat. Ist egal, dass der Sturm hier mehr knallt und ich nicht jeden Monat ein Schlaraffenland wie den Weihnachts- oder Ostermarkt geboten bekomme. Einige Möwen zieht es ja auch auf Kreuzfahrtschiffe, um in die Karibik oder nach Malle zu kommen. Die wollen sich da einen angenehmen Lebensabend machen – so wie mein Vater damals, als ich noch ein Küken war. Der wollte nur mal eben Waffeln holen und kam nie wieder zurück. Er ist als blinder Passagier mit der AIDA nach Aruba. So will ich nicht sein. Ich hab mittlerweile selbst Küken und will ihnen ein guter Vater sein. Hier ist mein Zuhause.

Herr Möwe, ich danke Ihnen für dieses – nun ja – spezielle Interview. Wie abgemacht möchte ich Ihnen zum Abschied die Waffel überreichen, auch wenn es für das Füttern von Möwen eigentlich eine Strafe von bis zu 5000 € geben kann. Aber Deal ist Deal.

Sehr ehrenwert. Und nun her damit!

Beim Überreichen der Waffel klaut ein Artgenosse die Waffel von Möbius Möwe.
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