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Eine kleine norddeutsche Weihnachtsgeschichte

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„Weihnachten wird es im Norden grau: tagsüber Wolken und Regen mit vereinzelten Böen, bei Temperaturen um die 6°C. Nachts ist mit Nebel zu rechnen“, schnarrt es aus dem kleinen Kofferradio von Oma Irmie, das sie stolz schon seit 40 Jahren ihr Eigen nennt.

Zwischen den Dünen das Haus von Oma Irmie und Opa Otto.

Die Tür zur Veranda öffnet. Opa Otto stapft von draußen hinein, platternass, Nase löppt, an der Spitze hängt ein Tropfen. Nasskalt zieht es einmal durchs Haus und lässt die Türen knallen. „Na, min Dirn. Dat will woll wedder nicks warn mit de witt wiehnacht“, sagt Opa Otto und gibt seiner Frau zur Begrüßung einen Kuss auf die Stirn, so wie er es immer macht. „Watt wist dor moken. Hii baben in Noorden is dat so. Schietwetter even“, raunt Oma Irmie und hängt eine rote Kugel an den Tannenbaum. „Gor keen Lametta an Bom?“, schnieft der Großvater und wischt sich mit dem vielbenutzten aber niemals ausdienenden Stofftaschentuch den Tropfen von der Nase, der sich mittlerweile bedrohlich in die Länge zog. „Nee“, antwortet die Großmutter. „Wenn du Lametta wist, denn kannst du dat ja tokamen Johr maken.“ Opa Otto schnieft: „Wenn ick denn noch am Läben bün.“ Den Wink mit dem Zaunpfahl hat er trotzdem verstanden und nuschelt sich schlurfend aus dem Wohnzimmer: „Ick hal maal de Kahlen ut‘n Keller.“

Grünkohl. Lungenwurst. Bratkartoffeln. Fertig.

Im ganzen Haus riecht es nach Grünkohl. Wenn es so riecht, dann ist Weihnachten. Grünkohl mit Lungenwurst und Bratkartoffeln. Oma Irmie deckt gerade den Tisch. Gleich kommt die Familie. Der Großvater kommt schniefend mit den Kohlen aus dem Keller, schließt genüsslich die Augen und inhaliert den Duft des kochenden Grünkohls. „Dat is mäkelbörger Wiehnacht.“

Draußen stümt es von den Dünen, zwischen denen sich irgendwo das winzige weiße Reetdachhaus von Oma Irmie und Opa Otto versteckt. Warmes Licht von Kerzen leuchtet aus den kleinen quadratischen Fenstern hinaus in den stürmischen Abend. Vom Himmel fällt Matsch, so bezeichnet das der Großvater. Kein Regen, kein Schnee, nicht mal Schneeregen. Matsch. Irgendein undefinierbarer Niederschlag, den man wahrscheinlich nur hier oben an der Küste kennt. Vermutlich eine Mischung aus der Gischt der Wellen.

Kein Schnee, dafür tosende See.

Großvaters Kohlen heizen mittlerweile wunderbar das ganze Haus. Schnurrend liegt Kater Otto II. auf dem Kachelofen. Plötzlich klopft es an der Haustür, die just in dem Moment öffnet, denn bei den Großeltern steht die Tür immer offen. Die „Lüdden“ sind da. Gemeint sind ihre erwachsenen Söhne Jürgen, Peter und Ulf mit Kind und Kegel. Hektisch eilt Oma Irmie in die Küche und holt ein Fläschchen Weinbrand. „Wer will einen Cognac?“, fragt sie die Ankömmlinge in plötzlich fließendem Hochdeutsch. Natürlich lehnt niemand ab, denn zur Weihnachtszeit bleiben in Norddeutschland noch viel weniger Augen trocken, als andernorts. „De Lüdden bruuken uk wat“, lacht Opa Otto, der normalerweise schon mit einer begrüßenden Umarmung emotional überfordert wäre. Doch heute ist Heilig Abend. Heute lässt selbst er sich zu Reaktionen hinreißen, die für sein Verhältnis schon Jubelarien gleichkommen und schenkt seinen sechs Enkeln Kinderpunsch ein. Einige Tassen Kinderpunsch später, imitieren sie scheinbetrunken Onkel Ulf, der realbetrunken durch die Flure schwankt.

Das Abendessen verläuft regionaltypisch schweigsam. Darauf besteht vor allem Opa Otto, denn „dat Kuddeln gehürt sick nich beim Äten“. Rotwangig und angeheitert von zwei Cognac und einem halben Bier, erzählt er nach dem Essen jede Menge Seemannsgarn. Verstehen tut ihn nur Oma Irmie. „Kann Vadders nicht mal versuchen ein bisschen Hochdeutsch zu sprechen?“, fragt Onkel Peter. „Das kann der Opa doch nicht. Der strengt sich ja schon an“, antwortet Oma Irmie. „Denn sä ick holt gor nicks mihr. Wer wees, wi lang ji oeverhop noch miene Stimm hürt. Wenn dat man nich miene letzt Wiehnacht is“, schimpft Opa Otto bockig.

Tannenbaum muss sein…

Es wird viel erzählt, noch mehr getrunken und natürlich werden auch Geschenke überreicht. Den Weihnachtsmann spielt Onkel Peter. Letztes Jahr war es Onkel Ulf, davor mein Vater. Einmal war es sogar Oma Irmie, die jedoch aufgrund inflationärer Rutennutzung und des extrem finsteren Auftretens, Albträume bei den Kindern auslöste und ihres Amtes enthoben wurde.

Wenn die Kinder verdutzt fragen, wo denn der Papa abgeblieben ist, dann waren sich die Erwachsenen bisher für keine Ausrede zu schade. Papa sitzt mit Durchfall auf der Toilette. Papa holt Kohlen aus dem Keller. Papa ist draußen am Strand umgeknickt, als er Knecht Ruprecht beim Geschenke tragen geholfen hat. Papa füttert die Schweinswale, die das Boot vom Weihnachtsmann über die Ostsee gezogen haben. Bei letzterer Ausrede bekamen die Kinder allesamt Schnappatmungen vor Begeisterung, weil sie natürlich die Schweinswale sehen wollten. Nur die orkanartigen Böen konnten als Grund verhindern, dass sie nicht runter zum Strand gestürmt sind, wo sie dann nichts als die tosende See vorgefunden hätten.

Opa Otto ließ in einer Cognac-Laune letztes Jahr fast die Bombe platzen: „Mök doch mal de Klüsen up, mien Jung. Dien Vadder is der Wiehnachtsmann!“ Natürlich fing der Großvater sich prompt Eine von Oma Irmie, die anschließend allerhand zu tun hatte, den jüngeren Kindern liebevoll zu versichern, dass Onkel Ulf nicht der Weihnachtsmann ist, sondern die Schweinswale füttert. Seitdem sind die Kinder jedoch skeptisch.

…Geschenke auch.

Nach der Bescherung holt der Großvater sein Schifferklavier und erbarmt sich, Weihnachtslieder zu spielen, die alle mitsingen können. Zurecht, wie er findet, beschwert er sich in diesem Zusammenhang, dass sein ältester Enkel auf der Gitarre nur englische Lieder spielt und singt. „Kunn de Jung nicks up Dütsch?“

Zu später Stunde erzählt Oma Irmie von ihrer Flucht über die Ostsee und Opa Otto meistens vom Krieg an der Ostfront. Dann schüttelt er mit ernster Miene den Kopf und winkt mit zusammengekniffenen Lippen ergriffen ab: „Dat ji in Freeden läwt, is mi dat wertvullste.“

Und so ertränkt sich der Heilige Abend bis die letzten Augen zufallen und alle zum prasselnden Regen einschlafen. Kein Weihnachtswunder, keine weißen Weihnachten. Aber das ist auch nie der Anspruch eines Norddeutschen. Ein Weihnachtswunder ist, so sagt Opa Otto immer, wenn mal wieder alle beisammen sind. Die Wunder liegen bei uns im Norden eben im Kleinen verborgen – sei es in der familiären Gemütlichkeit oder im feuerwässrigen Geiste eines Cognacs.

Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen. Opa Otto bleibt seiner Linie treu und ruft mit Tränen in den Augenwinkeln seinen Lütten hinterher: „Dat ji bald wedder kummt. Wer wees, wi lang ick noch bün.“ Daraufhin dreht er sich schweigsam um und geht ins Haus – Kohlen aus dem Keller holen.

So haben wir damals vor zwanzig Jahren als Kinder Weihnachten bei unseren Großeltern gefeiert. Und es hat sich nichts geändert, da sind wir Norddeutschen nun mal stur. Alles bleibt wie gehabt, außer, dass Opa Otto mittlerweile tatsächlich nicht mehr ist und ich an seiner Stelle nun das Schifferklavier spiele. Ansonsten gibt es weiterhin Cognac zur Begrüßung und Grünkohl mit Lungenwurst zum Abendessen.

Heute war der letzte Uni-Tag in diesem Jahr. Voller Vorfreude fahre ich nun mit dem alten Auto von Opa Otto zu Oma Irmie, wo sich die Familie trifft und höre den Wetterbericht im Radio: „Weihnachten wird es im Norden grau: tagsüber Wolken und Regen mit vereinzelten Böen, bei 6°C. Nachts ist mit Nebel zu rechnen.“

StudentsStudents wünscht Euch allen besinnliche Festtage und viel Entspannung. Kommt gut und gesund nach Hause.

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