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Eine wahre Geschichte: Als Weihnachten den Krieg besiegte

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Heiligabend 1914, Erster Weltkrieg. Tausende junge Soldaten zogen siegessicher mit der Gewissheit in den Krieg, Weihnachten als Helden wieder bei ihren Familien zu sein. Doch die Realität sah anders aus. Keine fünf Monate benötigte es, um über eine Millionen Soldaten zu Tode kommen zu lassen.

Nach langanhaltenden Regenfällen wurde das Schlachtfeld zu einem Meer aus Schlamm. Keines der verfeindeten Lager konnte unter diesen Bedingungen Boden gut machen – getötet wurde trotzdem. Der Winter kam, die Temperaturen fielen und die verfeindeten Schützengräben wurden immer mehr zu kalten Gräbern, die teilweise kaum 20 Meter voneinander entfernt waren. Dazwischen, ein Niemandsland aus gefallenen Soldaten, an denen die Ratten nagten. Die Sinnlosigkeit dieses Krieges wurde den Meisten nach nur wenigen Monaten bewusst.

Ein Christbaum im Schützengraben – Foto: faz.net

Inmitten dieser menschgemachten Hölle ereignete sich am Heiligen Abend ein Wunder. Kaiser Wilhelm II. hatte seinen kriegsmüden Soldaten angeblich Tannenbäume und Kerzen zukommen lassen, um ihre Moral aufrecht zu erhalten. Der britische Soldat Graham Williams berichtete, dass „auf den deutschen Grabenwällen plötzlich Lichter“ von Christbäumen aufflammten und „Stille Nacht, Heilige Nacht“ aus den Schützengräben ertönte. Die nicht minder kriegsmüden Briten taten es den Deutschen bald gleich und begannen ebenfalls zu singen. Und so lag wenig später, über den blutgetränkten Feldern der Westfront, ein vorsichtiger aber doch bestimmter mehrsprachiger Gesang tausender Männer in der Luft, die Weihnachtslieder in die kalte Nacht zum Feind schickten.

Es dauerte nicht lange und es kam zu ersten kommunikativen Annäherungsversuchen. So berichtet ein deutscher Soldat, dass ein abgewetzter Lederfußball in ihren Schützengraben flog. Ein Gruß aus dem Graben der Briten, mit der Aufschrift: Merry Christmas. Letztendlich wuchs das gegenseitige Vertrauen so sehr, dass die verfeindeten Lager aus den Gräben krochen und aufeinander zugingen, sich die Hände schüttelten und frohe Weihnachten wünschten.

Shake Hands – Foto: wetthelabel.eu

Die Waffen ruhten, der Geist der Weihnacht lebte. Plötzlich gab es kein Gegeneinander mehr, sondern ein großes Miteinander. Die verfeindeten Soldaten tauschten Geschenke aus der Heimat aus, z.B. Läusepulver, Wollsachen oder Schokolade und Bonbons. Selbstredend, dass auch Tabak und Alkohol höchst beliebt waren. Sie machten sogar gemeinsame Fotos und tauschten teilweise ihre Namen und Adressen aus, um sich nach dem Krieg, wenn dieser ganze Mist vorbei ist, vielleicht einmal besuchen zu können. Außerdem wurde die Waffenruhe genutzt, um die gefallenen Kameraden so angemessen wie es eben geht zu bestatten.

Fußball auf dem Schlachtfeld – Foto: itv.com

Und dann war da noch der Fußball. Auf improvisierte Tore traten die eigentlich verfeindeten Männer freudig gegen den Ball. Es war eine willkommene Möglichkeit, um sich spielerisch zu verständigen, da es sprachlich schwierig war. Deutsche, Briten und auch Franzosen – sie alle berichteten von diesen Fußballspielen und ihren Erlebnissen in emotionalen Briefen an ihre Liebsten zu Hause, die nur allzu deutlich zeigen, welch Wunder sich an jenem Heiligabend ereignete.

Entlang der Westfront herrschte an diesem 24.12.1914 eine losgelöste Nächstenliebe. Als hätten die zu Gehorsam gedrillten Soldaten ihre Fesseln des Zwangs gesprengt, um sich zu versöhnen und den Irrsinn des Krieges eigenhändig zu beenden. So gut wie niemand von den einfachen Soldaten hatte noch Lust auf dieses sinnlose Gemetzel.

Deutsche und britische Soldaten gemeinsam – Foto: wdr.de

Den höheren Offizieren missfiel dieses kleine Weihnachtswunder in Zeiten des Krieges, in denen Verbrüderungen mit dem Feind nicht zu tolerieren waren. Als sie davon Wind bekamen, ließen sie diesen kleinen Funken Frieden relativ baldig empört erlöschen. Die zu Weihnachten noch in Freundschaft lebenden Soldaten wurden erneut zur Feindschaft gezwungen und schossen alsbald wieder aufeinander – diesmal nicht mit Bällen, sondern scharfer Munition. Nie wieder verbrüderten sich so viele gegnerische Soldaten wie in der Weihnachtszeit des Jahres 1914. Der Gefreite Josef Wenzl schrieb dazu an seine Mutter:

„Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Man sieht bald, dass der Mensch weiterlebt, auch wenn er nichts mehr kennt in dieser Zeit als Töten und Morden. Weihnachten 1914 wird mir unvergesslich bleiben.“

Nur wenige Wochen nach diesem Weihnachtswunder, starben Zahllose ebenjener Männer, die an selber Stelle dem ersten Giftgas-Angriff der Kriegsgeschichte zum Opfer fielen.

Weihnachten sollte in diesem Zusammenhang auch die Zeit sein, jenen zu gedenken, die nicht wie wir in gemütlichem Überfluss bei ihren Liebsten sitzen können, sondern stattdessen unter den irrsinnigen Teufeleien unserer Spezies leiden. Seid dankbar.

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1 Comment

  1. Die Sachsen waren es, die zuerst den Kontakt herstellten zu den Briten. Nach der unerklärten Waffenruhe von knapp 10 Tagen um den Jahreswechsel zu 1915 wurden die Regimenter aus den Stellungen abgelöst und an anderen Frontabschnitten eingesetzt (siehe Anne Lipp Meinungslenkung im Krieg, 2002), so dass sicher gestellt war, dass das Töten wieder beginnen konnte.

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