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Vor 25 Jahren: Als das Sonnenblumenhaus brannte.

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Rückblick

August 1992: Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) Mecklenburg-Vorpommerns ist überfüllt, die Zustände sind katastrophal. Täglich treffen bis zu 80 Asylbewerber ein, während die Aufnahme stockt. Sie sind gezwungen, zu Hunderten vor dem ZAst zu kampieren. Die Beschwerden der Anwohner häufen sich. Die Lage gleicht einer tickenden Zeitbombe. Ein gefundenes Fressen für rechtsgesinnte Geister, um die Bevölkerung zu fremdenfeindlichen Taten zu mobilisieren. Der damalige Oberbürgermeister Rostocks warnt vor „schwersten Übergriffen bis hin zu Tötungen“ und auch die Medien berichten von anonymen Anrufen und Ankündigungen von Gewalt, um Lichtenhagen „aufzuräumen“.

Trabi brennt
Screenshot: „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Trotz all dieser alarmierenden Signale bleiben deeskalierende Vorkehrungen seitens der Regierung aus. Die Wut und das Unbehagen der Anwohner Lichtenhagens wird kleingeredet und nahezu ignoriert, während diejenigen, die diesem sozialen Sprengstoff präventiv entgegenwirken könnten, die Situation völlig unterschätzen. In dem wiedervereinten Deutschland verschließt die Regierung Kohl dieser Tage gerne die Augen vor rechtsorientierten Bewegungen. Es sollen möglichst keine Bezüge zu Nazi-Deutschland hergestellt werden.

Bezeichnend ist ein unbeholfenes Gespräch zwischen einem Neonazi und der damaligen Jugendministerin – Angela Merkel. Sie findet es traurig, dass Jugendliche am besten durch das Schmeißen von Steinen ins Fernsehen kommen. Ihr Gegenüber stimmt dem zu, findet es allerdings auch traurig, dass erst Steine fliegen müssen, um Aufmerksamkeit zu bekommen und ergänzt:  „Hätten Sie da nicht mal früher hierher kommen können?“ Diese Aussage wirkt einerseits wie eine uneinsichtige Trotzreaktion, ist aber gleichzeitig eine durchaus berechtigte Kritik.

Tabor (Jakob Bieber, l.) und Robbie (Joel Basmann, r.) stürmen aus der protestierenden Menge heraus Richtung Polizei und Sonnenblumenhaus.
Screenshot: „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Unter diesen Umständen ist es ein Leichtes, blinden Hass heraufzubeschwören und so zeigt der Mensch auf beiden Seiten zwei seiner gefährlichsten Eigenschaften: jene des Vergessens und der Gleichgültigkeit. Der Nährboden für gewalttätigen Fremdenhass. Vieles hätte verhindert werden können. Geschichte wiederholt sich.

Zwischen dem 22. und 26. August versammeln sich zeitweise bis zu 3.000 Menschen und feuern hunderte Gewalttäter an, die sich mit Steinen und Molotowcocktails einen Straßenkampf mit der Polizei liefern. Rechtsradikale Parolen fegen über den Asphalt und durch die Gassen grauer Plattenbauten. Das Asylbewerberheim wird evakuiert, jedoch nicht das Sonnenblumenhaus, dem Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter, die, da die Polizei sich zurückzieht, dem gewalttätigen Mob überlassen werden. Die Täter sperren die Bewohner ein und verriegeln die Ausgänge des Gebäudes, während es stetig mit Brandbomben beworfen wird. Die pöbelnde Menschenmenge hindert die Feuerwehr am Löscheinsatz, welche erst durch Anforderung von Polizeischutz das Feuer unter Kontrolle bekommt.

Wie viel Böses muss in jemandem stecken, dass er andere Menschen einsperrt, sie verbrennen lassen will und jede Hilfeleistung verhindert. Und wie abscheulich und primitiv kann ein Mensch sein, der applaudierend und pöbelnd daneben steht, wohlwissend, dass er dem qualvollen Feuertod hilfloser Unschuldiger zujubelt. Volksfeststimmung bei einer Hetzjagd auf Menschen.

Es ist ein Wunder, dass es keine Toten gibt.

Die Gegenwart

25 Jahre ist es her, als das Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen in Flammen stand. Der Brand des Fremdenhasses und der paranoiden Angst scheint seit jeher nicht gelöscht. Genau wie damals brennen auch heute Flüchtlingsunterkünfte. Im Jahr 2015 kam es zu über tausend (!) Angriffen, darunter auch eine Vielzahl von Brandanschlägen.

Am 24.8.1992 zeigte sich die im Kollektiv schwer zu schlagende Bestie unserer Spezies – hier bei uns in Rostock. Und sie zeigt sich seit Anbeginn der Zeit täglich auch andernorts. Und der Mensch hält wie ein unbelehrbares Kind immer wieder auf´s Neue die Hand auf die glühende Herdplatte. Bei so viel fremdenfeindlicher Gewalt, wie wir sie besonders in den letzten drei Jahren erlebt haben, kann man sich reißerisch doch fragen: „Was war schon Lichtenhagen?“ Lichtenhagen war einer der massivsten fremdenfeindlichen Angriffe in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg. Und einer von vielen traurigen Gipfeln unserer Geschichte, der immer wieder neu bestiegen wird, um von dessen Spitze eine Botschaft des Hasses in die Welt zu schreien, welche durch die Täler der Ahnungslosigkeit hallt und Gehör findet.

Gedenkveranstaltungen in Rostock

Lichtenhagen ist mit dem Sonnenblumenhaus ein Mahnmal für die Gegenwart. Wenn ihr mit der Bahn nach Warnemünde fahrt, seht ihr es unweigerlich. Dort werden in den nächsten Tagen diverse Gedenkveranstaltungen stattfinden, u.a. gibt es ein Open-Air-Kino in dem am Freitag der Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ gezeigt wird, der von dem damaligen Brandanschlag handelt. Ein Film, der für jeden, der in Rostock lebt und studiert, ein Muss ist. Am Samstag findet die Gedenkveranstaltung „25 Jahre Rostock-Lichtenhagen »Erinnern und Mahnen« 2017“ mit Live-Musik, Kunstprojekten und Diskussionen statt.
 Weitere Veranstaltungen findet ihr HIER.

Genau darum geht es, wenn wir den Anschlag auf das Sonnenblumenhaus betrachten: um das Erinnern und Mahnen. Denn auch in der Gegenwart wäre es frevelhaft, zu vergessen und gleichgültig zu handeln.

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