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Interview mit Johann Pätzold: „Ertrinken ist keine Option.“

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Der gebürtige Rostocker Johann Pätzold (30) ist Mitglied der sogenannten NGOs, die im Mittelmeer alles daran setzen, dass es nicht immer mehr zu einem Massengrab wird. Dabei riskiert er teilweise auch sein eigenes Leben, um Leben zu retten. Mit StudentsStudents sprach er über die unzähligen humanitären Tragödien und Unbegreiflichkeiten, die er erlebte, den harschen gesellschaftlichen und politischen Gegenwind, der ihm und seinen Mitstreitern entgegen bläst und nicht zuletzt über den Brief (HIER zu lesen), den er an Kanzlerin Merkel und Innenminister de Maizière schrieb.

Pätzold
Johann Pätzold

StudentsStudents: Johann Pätzold, Du engagierst dich extrem bei der Rettung von in Seenot geratenden Flüchtenden, die über das Mittelmeer nach Europa wollen und bist außerdem Mitglied der sogenannten NGOs. Was genau bedeutet NGO?

Johann Pätzold: NGO bedeutet wortwörtlich übersetzt „Nicht-Regierungs-Organisation“. Aber ich finde die Bezeichnung total unpassend. Wir sind ein paar Leute, die sich zusammengetan haben und versuchen, die Grundrechte der Europäischen Union auch an dessen Außengrenzen zu schützen, z.B. im Mittelmeer. Der Begriff NGO klingt mir jedoch zu militant. Ich würde mich eher als zivilcouragierten Bürger bezeichnen.

Wie groß ist eure Organisation? Wie seid ihr ausgerüstet?

Wir haben mittlerweile eine kleine Flotte von Schiffen im Mittelmeer. Es sind zumeist ausgemusterte Fischkutter. „Ärzte Ohne Grenzen“ besitzt mit der „Aquarius“ das größte Schiff und ist auch am besten ausgerüstet – quasi ein schwimmendes Krankenhaus. Ich selbst bin von der „Sea Eye“, einem kleinen Fischkutter. Im Moment sind etwa 12 Schiffe aus ganz Europa im Einsatz. Sie kommen aus Spanien, Frankreich, Deutschland oder auch Italien. Einige Schiffe haben schon eine ganze Menge auf dem Buckel, deswegen fallen auch viele mit technischen Problemen aus. Unsere Ausrüstung hat sich in den letzten zwei Jahren stark verändert. Am Anfang hatten wir die Frachträume voller Rettungsinseln und Schwimmwesten. Heute sind es vor allem Leichensäcke und Schwimmwesten. Der Nachschub an gespendeten Rettungsinseln kann nicht mehr mit dem Aufkommen der Seenoteinsätze mithalten. Wenn wir plötzlich über 2000 Menschen im Wasser versorgen müssen, sind wir schon froh, wenn unsere Vorräte an Wasserflaschen ausreichen.

Flüchtlinge MM

Ihr finanziert euch also ausschließlich über Spenden?

Ja. Es gibt ja im Moment Gerüchte, dass wir auch durch die EU oder andere Staaten finanziert werden sollen. Das ist aber nicht der Fall. Seit dem Vorfall mit der libyschen Küstenwache und der Sea Watch, wo es beinahe zu einer Kollision kam und nun eine beispiellose Kampagne gegen uns läuft, sind die Spenden auch massiv eingebrochen. Ich habe gehört, dass einige Organisationen sogar kurz vor dem wirtschaftlichen Bankrott stehen, dass sie die Schiffe nicht mehr finanzieren können. Was wir von der Sea Eye übrigens begrüßen, ist der Punkt auf dem Verhaltens-Kodex, dass wir unsere Bücher offenlegen sollen. Dann könnten wir endlich alle Vorwürfe aus dem Weg räumen. Ich wäre sowieso für einen Dachverband, der alle NGOs leitet und kontrolliert.

Was wirft man euch denn konkret vor? Vermutest Du da eventuell gezielte Sabotage?

Das hat sich ja mittlerweile total verselbstständigt. Wirklich angefangen hat es eben mit diesem einen Vorfall mit der Sea Watch und der libyschen Küstenwache. Der Hintergrund war, dass die Watch aus MRCC in Rom (die Staatliche Rettungsleitstelle) der Sea Watch einen Einsatzbefehl in internationalen Gewässern erteilt hat. Die Küstenwache aus Libyen hat diesen Befehl ebenfalls erhalten. Rechtlich gesehen waren beide Schiffe im Rettungseinsatz. Sind zwei motorisierte Schiffe mit selbem Einsatzbefehl in internationalen Gewässern und nähern sich gegenseitig an, so gilt „rechts vor links“. Die Sea Watch hatte eindeutig Vorfahrt. Als das Schiff der Küstenwache kam, nahm die Sea Watch schon Tempo raus, um eine mögliche Kollision zu verhindern. Die Küstenwache steuerte aber mit 20 Knoten auf die Watch zu, während diese nur noch 4 Knoten hatte. Der Kapitän wusste nicht, wie er in der Situation reagieren soll, da die Küstenwache sich offensichtlich nicht an die Verkehrsregeln gehalten hat. Noch verdutzter waren wir, als sich plötzlich ein Spiegel-TV-Reporter von dem Schiff der Küstenwache meldete. In dem Moment und der anschließenden Reportage, in welcher die Fakten komplett verdreht dargestellt wurden, wurde uns irgendwie schon schlecht. Wir vermuten, dass dies wohl erst der Anfang war und man uns vielleicht auch eine Falle stellen wollte. „Ein Schelm, der Böses denkt“, war die Devise. Gezielte Sabotage jedoch – das ginge mir zu weit.

Den NGOs wurde außerdem Kooperation mit Schleppern vorgeworfen?

Es gibt die Unterstellung, dass wir Lichtsignale absetzen, um den Schleppern zu zeigen, wo wir sind, dass wir sogar mit denen telefonieren oder wir Geld von ihnen bekommen und daran mitverdienen. Dass wir absichtlich in libysche Gewässer fahren oder unsere Transponder abschalten oder ein Taxi oder Shuttle-Service sind. Es ist schwer zu erklären, wenn einem niemand zuhört. Aber ich kann versichern, dass dies alles nicht der Wahrheit entspricht.

Irgendeine Begründung müssen diese Vorwürfe doch haben.

Kritik ist notwendig und außerordentlich wichtig, um z.B. transparenter zu werden. Wenn etwas täglich heroisiert wird, ist meistens etwas faul an der Sache. Natürlich passieren uns Fehler – wir sind schließlich totale Amateure in unserem Freiwilligen-Job. Kritik muss aber auf einem respektvollen Niveau stattfinden – und das beidseitig auf Augenhöhe. Wilde Vorwürfe gehören nicht dazu. Der Vorwurf, wir würden wissentlich und mutwillig in libysche Gewässer fahren, ist schlicht falsch. Es kann passieren, dass wir während einer Rettungsaktion in libyschen Gewässern treiben. Manchmal bekommen wir das in der Hektik gar nicht mit. Und selbst wenn, können wir nicht einfach den Rettungseinsatz abbrechen – das ist seerechtlich gar nicht erlaubt. Ebenso wenig schalten wir die Transponder ab. Wenn warme Luftmassen aufsteigen, kann das Signal schonmal den ganzen Tag durch die atmosphärischen Interferenzen blockiert werden. Ein großer Mythos ist zudem, dass wir Lichtsignale an die libysche Küste senden. Die Erde ist keine Scheibe. Wir könnten eine Lightshow auf dem Meer veranstalten und trotzdem würde in 50 km Entfernung niemand unser Lichtsignal mehr sehen können. Besonders die AfD scheint noch ein Verfechter der flachen Erde zu sein. Es lässt sich leicht berechnen, dass wir weit hinter dem Horizont liegen. Wir selbst sehen niemals das Festland. Unser Auftrag gilt lediglich der Seenotrettung. Aber wir müssen uns an die Regeln von MRCC Rom halten, z.B. können wir die Geretteten deshalb auch nicht einfach nach Tunesien bringen, was wir sofort tun würden. Wir müssen warten, bis ein Schiff der Nato kommt, welches die Menschen dann abnimmt. Wenn wir uns nicht an Roms Befehle halten, bekommen wir richtig Stress.

Diese Woche wurde das deutsche NGO-Schiff „Iuventa“ beschlagnahmt. Es gilt als bewiesen, dass die Besatzung Flüchtende ohne unmittelbare Lebensgefahr von den Schleppern übernommen hat. Das wäre eine Straftat, nämlich jene der Begünstigung illegaler Einwanderung.

Zu den aktuellen Vorfällen auf der Iuventa kann ich nichts sagen. Es gibt angeblich irgendwelche Fotos, welche belastende Beweise enthalten sollen. Ich befürchte, es handelt sich aber wieder um eine Kampagne gegen uns. Ich persönlich kann nur für die Sea Eye sprechen. Aber um eine bessere Kontrolle zu gewährleisten, sollte, wie bereits erwähnt, ein Dachverband eingeführt werden. Wenn das mit der Iuventa tatsächlich stimmt, so wäre es eine schlimme Katastrophe für alle Helfer. Aber ich gehe, solange nichts bewiesen wurde, von der Unschuldsvermutung aus.

Schiff

Hast Du das Gefühl, dass sich die EU ihrer Verantwortung entzieht?

Völlig. Die Rettungseinsätze der staatlichen Schiffe sind extrem zurückgegangen. Man überlegt sogar, das Mittelmeer als Abschreckungsmaßnahme gegen die Flüchtlinge zu verwenden, in dem man einfach alle ertrinken lassen will. Auch die mangelnde politische Unterstützung uns gegenüber wird mehr und mehr zu einem Desaster. Wir werden durch die Politik ja geradezu kriminalisiert. Dabei finde ich es äußerst zynisch, so zu tun, als würde man die Fluchtursache im Mittelmeer finden. Die EU kann natürlich nicht von heute auf morgen die Fluchtursachen in den betroffenen Regionen lösen. Das Mittelmeer aber zu einer Todesfalle zu machen, ist völkerrechtlich nicht mal mehr fragwürdig, sondern nicht hinnehmbar. Wir sind dafür, dass eine sichere Passage eröffnet werden muss. Der Balkan müsste eigentlich sofort wieder geöffnet werden. Libyen hingegen mit üppigen Geldsummen auszustatten, wird nicht helfen. Die Einheitsregierung hat das Land nicht unter Kontrolle. Wäre es so, würde kein Boot das Land mit Flüchtlingen verlassen.

Die EU überlegt, das Mittelmeer als Abschreckungsmaßnahme zu verwenden? Ein harter Vorwurf. Lässt sich das belegen? Das ginge immerhin in Richtung bewusster Tötung.

Natürlich meist nur zwischen den Zeilen. Aber auch der sogenannte Verhaltens-Kodex bezweckt genau das. Die staatlichen Schiffe sollen uns nicht mehr helfen, die Flüchtlinge abzunehmen. Rechtlich gesehen dürften wir die Flüchtlinge überhaupt nicht transportieren. Seit Neustem sollen wir plötzlich mit den Schiffen und den Flüchtlingen an Bord europäische Gewässer ansteuern. Das bereitet uns extrem viel Unbehagen. Wenn wir umliegende Nato-Schiffe anfunken, welche uns helfen sollen, schalten die auf Funkstille. Wir hatten schon Situationen, in denen unsere eigenen Schiffe durch die Überladung derart instabil wurden, dass wir uns keinen Meter bewegen konnten. Europäische staatliche Schiffe haben uns aber komplett ignoriert. Auch sind die Äußerungen einzelner Politiker sehr gruselig. Sie fordern, dass wir die Rettungseinsätze sofort einstellen oder „Wir uns an die schlimmen Bilder eben gewöhnen müssen“. Das Osterwochenende war ein passendes Beispiel. Wir waren dort unten mit zwei Schiffen ganz alleine, um uns herum tausende Menschen. Wir haben mehrfach verzweifelt SOS-Signale abgesetzt und Rom angefleht, uns große Nato-Schiffe zur Unterstützung zu senden. Wir wurden zwei Tage alleine gelassen und um uns herum ertranken die Menschen, verdursteten, erlagen an ihren Verletzungen. Wir konnten nichts unternehmen und in Reichweite waren staatliche Schiffe, die uns ohne Weiteres hätten helfen können. Die bewusste Tötung klingt zwar zu krass aber ich habe das Gefühl, man will es hinnehmen, das Mittelmeer als eine Art Katalysator zu verwenden. Dadurch wird natürlich folgende Illusion aufrecht erhalten: Je mehr Menschen sterben, desto weniger werden fliehen. In meinen Augen ist es also ein bewusstes Wegsehen – bewusste Unterlassung von Hilfe. Ich bin kein Jurist  aber wissentlich Hilfe zu unterlassen, wenn man weiß, dass Menschen sterben, ist nicht viel besser. Europa macht sich zumindest mitschuldig an den vielen Toten im Mittelmeer.

Schiff MM

Kann deine Aussage so verstanden werden, dass, sollten Involvierte bewusst wegschauen, sie die rechtlich verankerte Pflicht zur Hilfeleistung unterlassen und es somit aus deiner Sicht doch eine Form der Tötung wäre?

Ich glaube, man muss das hier auf einer ganz anderen Ebene betrachten. Es ist eher eine völkerrechtliche Frage, als eine auf Personen bezogene unterlassene Hilfeleistung. Völkerrechtlich muss in der EU gewährleistet sein, dass erst einmal alle Schutzsuchenden Asyl in der EU beantragen dürfen. Danach muss entschieden werden, wer bleiben darf oder wer wieder gehen muss. Das Mittelmeer ist abgesichert durch das internationale Seerecht. Diesem Seerecht sind alle UN-Staaten verpflichtet. Nach dem UN-Völkerrecht muss also die Seenotrettung auf dem Mittelmeer gewährleistet sein. Es handelt sich also eher um einen Völkerrechtsbruch der EU.

Mitte Juli schriebst Du einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Innenminister Thomas de Maizière, in der Hoffnung, dass dein Anliegen beherzigt wird. Gab es bereits eine Reaktion von den Adressaten?

Ja, die gab es in der Tat. Zu meinem Bedauern findet die Diskussion zwischen uns und der Politik bisher ausschließlich über die Presse statt. Das hat bisher zu vielen Missverständnissen geführt. Es ist nicht so, dass ich das Dilemma der europäischen Politiker nicht verstehe – ganz im Gegenteil. Ich erwarte selbst unruhige Zeiten. Dennoch bedeutet das nicht, dass wir alle unsere Werte über den Haufen werfen dürfen. Ich hatte ein Telefonat mit dem Innenministerium, in dem mir versichert wurde, dass der Brief soeben gelesen wurde. Einen Tag später kündigte der Innenminister an, nun persönlich mit uns sprechen zu wollen. Wir sind nach einem weiterem Telefonat mit dem Innenministerium aktuell auf Terminsuche und hoffen, dass dieser Termin auch bald gefunden wird.

Rettung

Hattest Du den Brief schon länger geplant oder gab es wirklich diesen einen Moment, der dich emotional so sehr überwältigt hat, dass Du diesen Brief verfasst hast – eventuell, um ein besonders traumatisches Erlebnis zu verarbeiten oder einer in dir brodelnden Wut ein Ventil zu geben?

Es war die Summe von allem. Wir machen den Job auch nicht gerne. Für mich wurde gerade eine Mission im August abgesagt und ich bin heilfroh darüber. Wir opfern für die Einsätze unseren Urlaub, bezahlen bis zu 1000 Euro aus eigener Tasche um ein Flugticket zu kaufen. Beim letzten mal musste ich nach Hause trampen, weil ich pleite war und mir kein Rückflugticket mehr leisten konnte. Ich will einfach, dass der Minister und die Bundeskanzlerin sehen, wer wir sind. Dass wir keine jungen Halbstarken sind.

Gibt es innerhalb der NGOs eine bestimmte politische oder ideologische Gesinnung?

Ich glaube, viele denken einfach, dass wir irgendwelche linken Typen sind, denen Europa völlig egal ist. Andere denken, dass wir da unten sind, um Geld zu verdienen oder den Helden zu spielen. Aber überwiegend sind wir ganz normale Leute – weit entfernt von Helden. Wir sind Mamas und Papas, Ärzte, Psychologen, Bauarbeiter oder Künstler. Wir sind alle ein Querschnitt aus der Gesellschaft Europas. Es arbeiten sogar Leute mit eher rechten oder sehr konservativen politischen Ansichten dort. Ich ordne mich eher in der Mitte ein. Wir sind aber alle einer Meinung, dass Ertrinken keine Option ist.

Schlauchboot

Du hattest vorgestern Hochzeitstag und bist zudem Familienvater. Wie steht deine Familie zu deinem Engagement? Kommt sie dabei nicht zu kurz?

Meine Frau hatte mir im letzten Jahr schon die Scheidung angedroht, wenn ich da unten weitermache. Bevor ich auf das Mittelmeer gewechselt bin, war ich im Balkan aktiv und davor hier in Rostock. Als ich die vielen kleinen Kinder gesehen habe, sind bei mir als Vater die Schutzreflexe losgegangen. Am Anfang hatte ich die persönliche Ausrede, dass es meinem Kind so gut geht und ich mich irgendwie schuldig fühle, wenn ich weiß, dass es anderen gerade so schlecht geht. Bei mir kamen da plötzlich ganz viele familiäre Gefühle durch. Und irgendwie bin ich bei meiner freiwilligen Arbeit immer mehr in den Süden gerutscht – wo auch die Bilder, die man sehen musste, immer schlimmer wurden. Schließlich landete ich auf dem Mittelmeer. Logischerweise wurde es für meine Frau und mein Kind schwer. Ich habe auch meine persönliche Karriere auf Eis gelegt und finanziell wurde es auch immer schlechter. Aktiv, habe ich mich mittlerweile etwas zurückgefahren – mache aber noch viel Öffentlichkeitsarbeit.

Du sprichst deine Karriere an. Du bist Komponist und verwirklichst dich in deinem Live-Projekt Secret of Elements. Was ist das für eine Musik? Vielleicht sogar eine Verarbeitung deiner Erlebnisse?

Ich mache eher Musik für Theater und Soundtracks und nebenbei mache ich auch Einzelwerke. Meine letzte Veröffentlichung handelte tatsächlich über das Thema der Flüchtlingskrise. Es gibt einen Titel, in dem ich auch originale Field-Recording-Aufnahmen von den „Boat-Peoplen“ eingearbeitet habe.

Wie heißt der Titel? Kann man ihn sich anhören?

Ja. Der Titel heißt „Satan´s Solution“ und ist auf dem Album „Monumentum“ erschienen. Ein Werk, das insgesamt eher postapokalyptisch klingt.

Postapokalyptisch, weil die Gegenwart bereits im Wienerwalzer-Schritt mit der Apokalypse tanzt?

Nun, ich habe das Gefühl, dass sich Europa gerade an einem Scheideweg befindet. Die Probleme, die auf uns zukommen, werden uns auf eine harte Probe stellen. Europa hat in meinen Augen schon etwas Wichtiges aufgegeben. Es hat angefangen, Menschen in mehrere Klassen zu unterteilen. Die Menschen, die tagtäglich auf dem Mittelmeer ertrinken, werden nur noch respektlos Migranten genannt, mit dessen Opferzahlen man gerne rumspielt. Das wir aber in der vielleicht schlimmsten humanitären Katastrophe seit der Gründung der EU stecken, wird heruntergespielt. Man sorgt sich eher um noch nicht geschehene Terroranschläge, möchte sich einmauern und degradiert Menschenleben auf dem Mittelmeer zu etwas Entbehrlichem. Keine Frage, ich glaube auch nicht wirklich an eine funktionierende Integration in der EU. Wenn man sich schon so schwer mit dem Familiennachzug tut, wie könnte man dann glauben, dass Integration funktionieren kann? Wie soll es funktionieren, wenn hier traumatisierte und zerrissene Flüchtlingsfamilien und Freundeskreise leben und gleichzeitig offener Rassismus salonfähig wird? Wenn wir das so weitertreiben, dann erschaffen wir heute die Probleme, die Europa morgen kaputt machen werden. Wir stehen vor einer beispiellosen Herausforderung und ich bin mir nicht sicher, ob Europa das in dieser Verfassung schaffen wird. Aber als Europäer hoffe ich, das wir es packen. Wir müssen alle an uns arbeiten.

Sicher warst Du bereits an einem Punkt, an dem Du aufgeben wolltest. Immerhin sprachst Du in deinem Brief von Traumata und Ohnmachtsgefühlen. Wachst Du morgens nicht langsam mal auf und fragst dich: „Wozu das Ganze?“

Oft! Diese Frage treibt mich umher. Aber ich habe eine Sache gelernt: Unsere Demokratie ist etwas Wunderbares und man muss lernen sie auch einzusetzen. In Rostock habe ich im Rahmen der Rettung des Volkstheaters gelernt, dass man mit gefühlt unerreichbaren Politikern plötzlich sprechen und reden kann. Man kann mit ihnen Kompromisse erarbeiten. Und eine Demokratie basiert nun mal auf beid- oder mehrseitiger Kompromissbereitschaft. Politiker sind auch nur Menschen. Das kann auch auf dem Mittelmeer funktionieren. Es ist nicht so, dass ich die Ängste vieler Menschen nicht verstehe. Man muss einfach Kompromisse finden. Einige werden weh tun. Aber Kompromisse, die das Sterben von Menschen mit einschließt, sind einfach keine Kompromisse.

Johann Pätzold, vielen Dank für das Interview.

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