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Feiern im Studium: Ab wann haben wir ein Alkoholproblem?

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Dienstag ST, Mittwoch Keller, Donnerstag LT, Wochenende sowieso. Vorglühen. Bestandene Klausur begießen. Glühwein beim Weihnachtsmarkt. Wir Studierende wissen, wie man feiert und trinkt. Aber wissen wir wirklich, wie man trinkt – so, dass es nicht zum Problem wird? Wir finden: Jeder, der regelmäßig Alkohol zu sich nimmt, sollte sich mit diesem – zugegeben: unangenehmen – Thema befassen. Wir haben dazu mit Jan-Tjark Schimanski gesprochen. Er ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut in Ausbildung und als Fachdienstleiter Suchthilfe bei der Caritas Mecklenburg e.V. tätig und beantwortet uns alle Fragen rund um Alkoholmissbrauch, die uns Studierende betreffen.

StudentsStudents Rostock: Ab wann spricht man von einer Alkoholsucht?
J.-T. Schimanski: Da gibt es keinen festen Zeitpunkt – es ist ein fließender Übergang vom Gebrauch über den Missbrauch zur Abhängigkeit. Ist der Kontrollverlust da, ist es eine Sucht. Es gibt da zum Beispiel Tests, die die Sucht attestieren, wenn eine bestimmte Anzahl der Symptome erfüllt ist. Es geht um die eigene Toleranz – wenn man immer mehr braucht, um einen Effekt zu erzielen und auch negative Konsequenzen des Trinkens, zum Beispiel das Verpassen einer Vorlesung, in Kauf nimmt, oder trinkt, um sich zu beruhigen: dann ist das Missbrauch.

StudentsStudents Rostock: Das heißt, dass das Trinken eines Shots vor einer Klausur schon Alkoholsucht bedeutet?
J.-T. Schimanski: Es handelt sich dort um fortgeschrittenen Missbrauch, weil nicht aus Genuss getrunken wird. Das gilt auch für das Trinken nach einem Streit oder für das Belohnungstrinken nach einem Fußballspiel.

Die WHO sieht gewisse Mengen vor, die als unproblematisch gelten. Bei Männern sind es 2-3 Mal die Woche 40 Gramm Alkohol, bei Frauen sind es 30 Gramm. Das entspricht 2 Bieren für Männer und 1 1/2 für Frauen.

StudentsStudents Rostock: In Rostock können Studierende quasi außer Montag und Sonntag täglich in Clubs gehen. Wie ist das, wenn man zweimal die Woche ein paar Bierchen trinken geht?
J.-T. Schimanski: Die Formulierung „Bierchen“ ist lustig – dass viele dem Alkohol schon Kosenamen geben. Die Weltgesundheitsorganisation sieht gewisse Mengen vor, die als unproblematisch gelten. Bei Männern sind es zwei bis drei Mal die Woche 40 Gramm Alkohol, bei Frauen sind es 30 Gramm. Das entspricht zwei Bieren für Männer und eineinhalb für Frauen. Zur besseren Vorstellung: Eine Flasche Rostocker (0,5 Liter) mit 5 Volumenprozent hat 20 Gramm Alkohol. Zwei davon zwei bis drei Mal die Woche ist demnach okay – alles darüber gilt als riskanter Konsum.

StudentsStudents Rostock: Das ist sehr wenig! Das sagt die WHO – Was ist Ihre Meinung?
J.-T. Schimanski: Es gibt verschiedene Phasen im Leben, in denen mehr oder weniger getrunken wird. Das ist von der Gesellschaft und von der Gesundheit abhängig und auch nicht schlimm. Gerade das Studium ist eine Phase, in der viel getrunken wird; deshalb gelten Studierende als Risikogruppe. 10 % der Studierenden werden irgendwann nach dem Studium alkoholabhängig, selbst, wenn sie in einer Phase dazwischen weniger bis gar keinen Alkohol trinken. Es ist wichtig, dass man die Mehrzahl der Tage in der Woche keinen Alkohol trinkt.

Caritas Mecklenburg e.V. in der August-Bebel-Straße 2.
Caritas Mecklenburg e.V. in der August-Bebel-Straße 2.

StudentsStudents Rostock: Also kann im Studium der Grundstein für eine spätere Alkoholsucht gelegt werden. Viele sagen, eine Sucht wie die nach Alkohol kann auch genetisch bedingt sein.
J.-T. Schimanski: Es gibt eine genetische Prädisposition. Wer einen Fall von Alkoholsucht in der Familie hat, ist anfälliger – aber man wird deshalb nicht süchtig. Einflussfaktoren sind auch das soziale Umfeld und die Persönlichkeitsmerkmale. Es gibt einen Teil Kinder, der wird süchtig, der andere Teil wird es nicht. Man lernt von seinen Eltern gewisse Gewohnheiten – wie man entspannt, wie man Feierabend macht. Wenn dazu immer ein Bier oder ein Glas Wein zum Essen gehört hat, lernt man das wie das Laufen von seinen Eltern. Deshalb gilt es, zum Beispiel das Belohnungstrinken nach dem Fußball kritisch zu betrachten.

StudentsStudents Rostock: Wie verhält es sich denn mit Festivals – wenn die Besucher zwei bis sieben Tage am Stück trinken?
J.-T. Schimanski: Festivals sind vom Alltag gelöst. Man trinkt viel, aber macht das sonst das ganze Jahr nicht so exzessiv. Man muss nur bei Festivals immer seinen An- und Abfahrtsweg durchdenken – dass man dann keine Restwerte mehr im Blut hat. Aber auch im normalen Straßenverkehr habe ich beobachtet, dass sich Studierende zwar strikt an das Autofahrverbot halten, wenn sie getrunken haben, stattdessen aber Fahrrad fahren. Mit 1,6 Promille – und Studierende erreichen den Wert durchaus – ist eine medizinisch-psychologische Untersuchung die Folge, sprich: der Idiotentest, und mehr als 1000 Euro Strafe.

Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert und ein Kulturgut. Alkohol ist aber auch ein Zellgift.

StudentsStudents Rostock: Gibt es denn einen Unterschied zwischen den Alkoholsorten – Wein hat schließlich mehr Volumenprozent als Bier – und was ist mit Schnaps?
J.-T. Schimanski: Ja: Ein Glas Wein (0,25 L, 13 Vol%) hat 26 Gramm Alkohol, ein Bier (0,5 L, 5 Vol%) hat 20 Gramm Alkohol, ein Korn (2cl, 40 Vol%) – als Beispiel für Schnaps – hat 7 Gramm Alkohol. Es kommt also nicht auf das Getränk an, sondern auf den Alkoholgehalt.

StudentsStudents Rostock: Wir haben mal gehört, dass regelmäßig wenig trinken besser ist als einmal im Monat Komasaufen. Ist das richtig?
J.-T. Schimanski: Der Körper kann nur eine bestimmte Menge an Alkohol ausgleichen. Beim Komatrinken ist Zellsterben die Folge, weil es zu viel ist. Kleine Mengen langsam zu trinken ist da unproblematischer. Alkohol ist ja schließlich auch gesellschaftlich akzeptiert und ein Kulturgut.

StudentsStudents Rostock: Gibt es denn Symptome, an denen man zu häufigen oder intensiven Alkoholkonsum an sich selbst feststellen kann? Zum Beispiel, dass man vergesslich wird?
J.-T. Schimanski: Neben den kurzfristigen Folgen der Enthemmtheit, Koordinierungsschwierigkeiten, Lallen, Stolpern und sich lächerlich machen gibt es auch langfristige Folgen wie Gefäßveränderungen und Organschäden. Und ja: Es kann auch zu Gedächtnisschwierigkeiten kommen. Das ist aber alles sehr unterschiedlich bei Individuen – bei 20 Prozent der regelmäßigen Trinkern können die Hausärzte nicht einmal erhöhte Leberwerte feststellen.

StudentsStudents Rostock: Kommt das auch auf die Gesundheit des Körpers an?
J.-T. Schimanski: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Abwehr des Körpers gegen Angriffe zu verstärken. Gesunde Ernährung und Sport zum Beispiel. Allerdings heißt das nicht, dass man unbedenklich viel trinken sollte. Alkohol ist ein Zellgift. Es herrscht außerdem der Irrglaube, dass eine gute Grundlage die Blutalkoholkonzentration senkt. Das ist aber unabhängig vom Speisebrei, der im Magen ist. Eine gute Grundlage beeinflusst nur die subjektive Wirkung des Alkohols und die Ausprägung des Katers am nächsten Tag. Auch, wer zwischendurch ein Glas Wasser trinkt, sorgt für seinen Elektrolythaushalt und damit gegen den Kater.

Wer sich fragen muss, ob er oder sie zu viel trinkt, hat bereits ein Problem.

StudentsStudents Rostock: Wie merkt ein Studierender, dass er süchtig nach Alkohol ist?
J.-T. Schimanski: Es ist schon so, wenn man sich fragt, ob man zu viel trinkt. Wer sich das fragen muss, hat bereits ein Problem. Wer den Vorsatz hat, zwei Wochen keinen Alkohol zu trinken und am Freitag merkt: „Oh, heute ist Freitag und meine Kumpels gehen aus“ und dann trinkt, hat ebenfalls ein Problem. Es ist dann eine Form von Kontrollverlust.

StudentsStudents Rostock: Und was kann man dann tun?
J.-T. Schimanski: Nicht jeder muss gleich zur Suchtberatung. Man sollte sich nach seinen Zielen fragen. Was könnte ich mit meinen Kumpels ohne 3 Promille machen? Das kann man gemeinsam dann besprechen.

Caritas Mecklenburg e.V. (rechts) in der Nähe vom Steintor.
Caritas Mecklenburg e.V. (rechts) in der Nähe vom Steintor.

StudentsStudents Rostock: Was aber die Freunde vielleicht nicht gerne tun…
J.-T. Schimanski: Dazu gehört auch die Unterscheidung zwischen Freunden und Trinkkumpanen. Wenn die „Freunde“ sich da nicht kooperativ erweisen, ist es schade, aber dann sind es keine Freunde, die man verliert. Auf jeder Studentenfeier wie auf jeder Hochzeitsfeier finden sich auch immer dieselben, die bis morgens um vier bleiben. Abseits vom Trinken hat man aber dann meistens nicht viel gemeinsam.

StudentsStudents Rostock: Das ist sehr ernüchternd. Wir haben von einigen gehört, die sich vornehmen, mal einige Wochen abstinent zu sein. Ist es nicht sinnvoller, den Konsum dauerhaft zu reduzieren, statt nach der Abstinenz weiterzumachen wie vorher?
J.-T. Schimanski: Von Abstinenz spricht man nur, wenn die Entscheidung lebenslang ist. Einige Wochen eine Trinkpause zu machen, macht Sinn, wenn man die Leber mal etwas schonen möchte, man lernt dadurch aber keinen kontrollierten Umgang – es kommt drauf an, was man will. Es bringt auch nichts, dann mal nicht feiern zu gehen oder Fußball zu gucken – man muss den kontrollierten Konsum und das Verzichten üben, und zwar in den verlockendsten Situationen.

Wenn das Feiern ohne Trinken nicht klappt, schmeißt man eine von zwei Tätigkeiten über Bord: Entweder das Trinken oder das Feiern.

StudentsStudents Rostock: Also mal ohne Trinken feiern gehen – das ist tatsächlich nicht für jeden was. Der eine traut sich das Tanzen nicht und den anderen nerven die Betrunkenen.
J.-T. Schimanski: Wenn das Feiern ohne Trinken dann nicht klappt, schmeißt man eine von zwei Tätigkeiten über Bord: Entweder das Trinken oder das Feiern. Wenn man sich die Glückshormone beim Feiern durch Alkohol „dazukippt“, stellt der Körper die Produktion ein. Körpereigene Glückshormone sind aber eh die besten – Sport, Tanzen und Sex sind Garanten dafür. Exzessives Tanzen etwa lässt sie den Körper produzieren. Das fehlende Selbstbewusstsein dafür im Club trinken sich viele an – trinken danach aber weiter. Man sollte also mit Gleichgesinnten mal ohne zu trinken feiern gehen – da hilft auch alkoholfreier Sekt.

StudentsStudents Rostock: Placebo also?
J.-T. Schimanski: Ja – das wirkt auch, kann auch enthemmen. Man sollte es ausprobieren. Das schlechteste, was man tun kann, ist stattdessen zuhause zu sitzen – denn dann hat man zwar kein Alkoholproblem, aber wird ohne Freunde und Glücksgefühle depressiv. Ich weiß nicht, welche Krankheit schlimmer ist.

Vielen Dank an Jan-Tjark Schimanski und an die Caritas Mecklenburg e.V. für die umfangreichen Informationen.

Die Caritas Mecklenburg e.V. bietet nicht nur Suchtberatung und -hilfe und verschiedene Therapieformen an – auf Wunsch auch anonym. In Gruppen können sich Betroffene und separat auch Angehörige austauschen. Bei einem Verkehrsdelikt aufgrund von Drogenkonsum berät die Caritas zur anstehenden medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) und bietet Vorbereitung und Verkehrstherapie an. Im Drogenkontaktladen können Jugendliche und junge Erwachsene Ansprechpartner für einen risikoärmeren Gebrauch finden, eine Mahlzeit zu sich nehmen, sich waschen oder duschen, eine medizinische Grundversorgung in Anspruch nehmen und haben die Möglichkeit zum Spritzentausch.
Suchtberatung und Gruppen basieren auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und sind kostenlos sowie unterliegen der Schweigepflicht.

Mehr Informationen auf der Caritas-Homepage.

Kontakt
August-Bebel-Straße 2

Telefon 0381-25 23 23
E-Mail suchtberatung@caritas-mecklenburg.de

Spendenkonto
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IBAN DE78 1305 0000 0205 0153 36
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