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Sind Deutschlandfahnen zur EM keine harmlosen Fanartikel mehr?

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fußballfans haben spaß beim autokorso

In diesen Wochen sind wir überrascht worden: Die Fanartikel zur EM werden immer ausgefallener. Vuvuzelas sind zum Glück langsam out, nachdem das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz von NRW Public-Viewing-Orten empfohlen hat, die Blasinstrumente zu verbieten, weil sie im Ernstfall eine Notfalldurchsage übertönen könnten. Stattdessen schmücken sich die Deutschen mit Deutschland-Haarreifen, Deutschland-Irokesen-Parücken, Fußball-Kontaktlinsen, EM-Trikot-Handyhüllen und Federohrringen in den Deutschlandfarben.
Traditionell ist sie aber immer noch überall dabei: die Fahne. Ob an Autos, Balkonen, Fenstern oder als Wickelkleid – wenn wir unterwegs sind, kommen wir in den vier Fußballwochen nicht an ihr vorbei. Neuerdings werden aber spezielle Stimmen immer lauter. Die, die sagen, dass dieser Patriotismus zu Fußballhochzeiten zu weit geht. Und ein mutmaßlicher Vorfall unterstützt das.

Die Fahne zu Zeiten zu hissen, in denen keine WM oder EM stattfindet, macht die deutsche Bevölkerung misstrauisch. Es ist immer noch ein Tabuthema, auch wenn die Fahne motivlich nicht so ganz dieselbe ist, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts das Bekennungssymbol war. Aber deutscher Patriotismus ist eben auch 71 Jahre nach Kriegsende noch ein sensibles Thema. Nicht zuletzt, weil es (auch aufgrund aktueller Ereignisse) noch nicht vom Tisch ist: Zahlreiche Personen nutzen die Fahne, um ein Statement zu setzen, sogar auf Seiten von Autotuning (und sogar „Dachtuning“, kein Spaß!) wird die Reichweite des eigenen Unternehmens genutzt, um mittels Fahne und dem Verbreiten von Hetzvideos Kunden zu bekehren und zu vereinen. Außerhalb von Fußballevents verschwimmen die Deutschlandfarben leider immer noch ins Braune.

Nun aber geht diese Sensibilität auf eine neue Ebene: den Fußball. Alle zwei Jahre für mehrere Wochen werden die Fahnen genutzt, um zu signalisieren: „Ich bin für Deutschland.“ Wie auch sonst? Länder haben ihre eigene Kennzeichnung in Form von Flaggen, von denen sie in der Symbolsprache Gebrauch machen. D E U T S C H L A N D ist auch ein viel zu langes Wort, um es extra auf ein Spruchband zu schreiben, um die Nationalfarben nicht zu benutzen. Immer noch kürzer als D E M O K R A T I S C H E R E P U B L I K K O N G O, aber trotzdem zu lang. Eine Flagge mit wenigen Farben ist ökonomisch, schnell verständlich und sehr notwendig, wenn zum Beispiel ein Staatsbesuch ansteht und du in der Tagesschau erkennen willst, woher dieser unbekannte Politiker denn jetzt schon wieder kommt.

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Nun mischen sich natürlich auch solche unter die Fans, die auch außerhalb von einer EM die Flagge hissen. Das heißt aber nicht, dass alle Fans mit ihnen die Gesinnung teilen. Denn es geht hier um Sport. Dass Sport, besonders populärer und kommerzieller Sport, so untrennbar von Politik ist wie Milch und Schokolade im Kinderriegel, ist unumstößlich. Politik bedeutet nämlich nicht nur, dass Merkel, der Harzer Roller und andere Politiker täglich Gesetze verabschieden, sondern Politik ist überall. Deshalb stehen auch die Nationalfarben für Politik. Genau wie dein alter Schulranzen es tut. Aber dass ein Symbol, das ein Land in wenigen Farben auf den ersten Blick erkennbar repräsentieren soll, nicht mehr als Symbol für Fanliebe benutzt werden darf, Fanliebe, die die Länder wenigstens einmal am Tag an andere Länder denken lässt, weil das eigene Team gegen sie spielt, ist quatsch. Denn wenn eine Flagge, die Deutschland repräsentiert, nicht gezeigt werden soll, dann dürften nach diesem kognitiven Muster auch die deutschen Fußballspieler, ja, sogar Deutschlands Einwohner nicht mehr gezeigt werden, ohne rechtes Gedankengut vermuten zu lassen. Für sie alle steht nämlich die Flagge, wie eine Variable.

Flaggen stehen außerdem für Geschichte. Das ist auch unumstößlich. Aber so ist es auch beispielsweise für Italien und Spanien, bei denen in der Vergangenheit auch nicht immer alles glatt gelaufen ist.
Ein mutmaßlicher Vorfall, nachdem am Wochenende in Rostock Farbattacken auf Häuser mit Fahnen verübt worden sind, zeigt, dass (falls die Geschichte stimmt – bislang gab es keine Bestätigung) das Ganze sogar schon Vandalismus auslösen kann, den wir ja von Fußballveranstaltungen bereits kennen und der in dieser EM sogar von häufiger Gewalt noch übertroffen wurde.

Es bleibt zu vermuten, dass bis auf die letzte Oma in Sanitz jeder mitbekommen hat, dass grade eine EM läuft. Und dann weiß auch jeder, dass Fahnen in den Nationalfarben für diese vier Wochen ein Symbol der Fanliebe sind. Nicht nur in Deutschland. Sondern in allen Ländern, die an der EM teilnehmen.

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